Der Mythos Der Afrikanischen Sexualität
HIV/AIDS Im Kontext Weiblicher Sexualität In Afrika




Patricia McFadden


HIV/Aids ist zum afrikanischen Problem geworden, zum bloßen Gesundheitsproblem, wenn es nach den Regierungen geht. Die geschlechtsspezifischen Implikationen von HIV werden noch weitgehend ignoriert. In einem Beitrag für "Southern African Political and Economic Monthly" (Juni 1998) stellt die Autorin einen Zusammenhang von HIV und der sozialen Kontrolle der Frau durch die Männerwelt her. Die "promiskuitive Afrikanerin", deren Sexualität als ebenso gefährlich wie reinigend gesehen wird und deren sexueller Missbrauch in afrikanischen Familienhaushalten erst langsam zum Thema wird.


HIV/Aids alleine ist schon ein schwieriges Thema. Die politischen, ökonomischen und vor allem die sozialen und kulturellen Auswirkungen einer HIV-Infektion auf die persönliche Existenz eines Menschen sind tiefgreifend, um es vorsichtig zu formulieren. Wenn man die Diskussion von HIV nun auch noch mit dem Thema Sexualität verbindet, eröffnen sich zahllose Möglichkeiten zum Diskurs, zu Meinungsverschiedenheiten, aber auch mögliche Lösungen dieses dramatischen und lebensbedrohenden Problems, das leider zunehmend in den Zugriff der staatlichen Institutionen gerät.

Die meisten Studien über Aids in Afrika reden über die Krankheit mit einem Subtext von Promiskuität, der aus verschiedenen historischen und ideologischen Quellen stammt.
Für die meisten Europäer und Nordamerikaner (und wahrscheinlich auch für den Rest der nicht?afrikanischen Welt) ist Afrika zu dem Aids-Kontinent geworden. Ich erinnere mich an meine Tätigkeit. im Vorbereitungskomitee der UN?Bevölkerungskonferenz in Kairo, wo alle Präsentationen zu HIV/Aids mit Afrika begannen und Statistiken zur Verbreitung des Virus auf diesem Kontinent lieferten. HIV in anderen Teilen der Welt wurde höchstens nebenbei einmal erwähnt.

Es ist zwar offensichtlich, dass HIV im Grunde eine Krankheit im Umfeld von Armut ist. Wenn Armut aber im Rahmen bestimmter ideologischer Begriffe gesehen wird, hört sie auf, ein lösbares Problem zu sein, und wird zu einer pathologisierenden Aussage über bestimmte Gruppen von Menschen.

Ein Großteil der Literatur über HIV in Afrika zieht immer noch direkte oder indirekte Verbindungen zu einer angeblichen afrikanischen Promiskuität. Immer noch wird behauptet, dass wir die höchsten Zuwachsraten von HIV-Infektionen haben, weil die Afrikaner sexuell promiskuitiv seien, natürlich im Zusammenhang mit der Behauptung, Afrika sei der am stärksten überbevölkerte Kontinent, was falsch ist. Trotzdem betonen alle Studien über die Verbreitung von HIV in Afrika, dass es ein spezielles Problem von Subsahara-, sprich Schwarzafrika sei, und damit ist die Anschuldigung inbegriffen, wir seien selbst daran schuld.



DIE PROMISKUITIVE AFRIKANERIN

Die Art, wie wir uns bestimmten Phänomenen nähern - seien sie nun als politische oder gesundheitliche definiert, wie es in diesem Fall vorherrscht -, beeinflusst sowohl unseren Diskurs darüber als auch, welche Lösungsmöglichkeiten wir für sie suchen. In diesem Zusammenhang halte ich es für außerordentlich wichtig, diesen Stereotyp der "promiskuitiven Afrikaner", seien sie weiblich oder männlich, einer Überprüfung zu unterziehen, weil er im Denken aller nicht-afrikanischen Gesellschaften, vor allem der des Nordens (sprich: der Weißen), so tief verwurzelt ist und weil er im wesentlichen gemeint ist, wenn von "afrikanischer Sexualität" die Rede ist.

Das gilt besonders für die Sexualität von Frauen, wo wir auch leben mögen - wir werden beständig dargestellt als sexualisierte Objekte, deren oft gefürchtete, dennoch begehrte sexuelle Leistungsfähigkeit durch ideologische und technologische Mittel kontrolliert und systematisch unterdrückt werden muss. Aus dem Bedarf, Frauen durch heterosexuelle Sexualität zu kontrollieren, erwächst dieses Stereotyp, das weibliche Sexualität als gefährlich und ihren offenen Ausdruck als außer Kontrolle geraten, liederlich und moralisch verwerflich definiert. Man stößt darauf in allen patriarchalischen Gesellschaften: die Identifikation und Repräsentation weiblicher Sexualität falls sie nicht durch Rituale oder heterosexuelle Partnerschaften gebändigt ist - stellt das Problem dar.

Auch in der Konstruktion des Begriffs der Überbevölkerung und folglich der erfundenen Notwendigkeit, die Fortpflanzung bestimmter Bevölkerungsgruppen zu kontrollieren (deren Eingrenzung Rassen-, Klassen- und ethnischen Vorurteilen unterliegt), wird die Sexualität afrikanischer Frauen problematisiert. Die Fruchtbarkeit schwarzer und farbiger Frauen, die gleichzeitig die ärmsten Menschen der Welt sind, ist ein zentrales Anliegen der Bevölkerungspolitik geworden. Wenn man die Familienplanungsbehörde UNFPA nach ihren Statistiken fragt, sieht man eine deutliche Korrelation zwischen farbigen Frauen und starken bevölkerungspolitischen Aktivitäten.

Natürlich erzählen sie, das liege daran, dass wir arm sind aber das wissen wir auch. Die Frage ist, warum wir arm sind. Es liegt sicherlich nicht daran, dass wir nicht arbeiten. Es geht eher darum, welche Arbeit wir machen und machen dürfen; wo wir arbeiten; ob wir Zugang zu Bildungsmöglichkeiten haben; und vor allem darum, wo wir mittlerweile in der Stufenleiter der globalisierten Weltwirtschaft gelandet sind, die bis heute Afrika in rassistischen und kolonialistischen Begriffen definiert.

Ich weiß, dass es mehr und mehr unpopulär (und manche sagen, taktisch unklug) geworden ist, bevölkerungspolitisch arbeitende Institutionen zu kritisieren oder etwas gegen die Zerstörung der sozialen Infrastruktur unserer Länder zu sagen. Schließlich riskiert man dabei, die überaus lukrativen Consultant-Jobs zu verlieren, denen so viele afrikanische "Wissenschaftler" den Erhalt ihres Mittelklassestatus verdanken.

Ich verstehe den "Pragmatismus" eines solchen Standpunkts, aber ich werde ihn nie akzeptieren - da bin ich mir sicher. Ich würde eher Paprika anpflanzen, wie eine sehr liebe Freundin immer bemerkt, als Profit aus der Armut und der Verunglimpfung von Afrikanern zu ziehen.



BEVÖLKERUNGSKONTROLLE...

Kehren wir zum Thema Bevölkerungskontrolle sowie Sexualität und Fruchtbarkeit afrikanischer Frauen zurück. Was im Norden meist inakzeptabel ist, wird im Süden zur allgemeinen Praxis. Wie z.B. eine 23-jährige Frau auf Norplant zu setzen, ein stark in den Körper eingreifendes hormonelles Verhütungsmittel, das den Frauen chirurgisch in den Arm eingepflanzt wird und das sie fünf Jahre mit sich herumtragen. Fünf Jahre lang wird ihr Organismus nonstop mit Hormonen bombardiert, die einen andauernden Schwangerschaftszustand imitieren. Die Folgen werden normalerweise nicht erwähnt Statt dessen hört man das Argument, dass die Frau für fünf Jahre Ruhe vorm Kinderkriegen hat und etwas anderes tun kann.

Für viele Frauen allerdings haben hormonelle Behandlungen gravierende Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden. Ihr gesamtes Hormonsystem ist durcheinander, und viele von ihnen haben einfach nicht die Option, das Implantat entfernen zu lassen.

Jetzt könnte man fragen, was das mit HIV zu tun hat. Es hat sehr viel damit zu tun, dass Frauen das Recht verwehrt wird, über ihre eigenen Körper und vor allem über ihre Fortpflanzungsfähigkeit zu entscheiden, und die Verweigerung dieses Rechts ist ein zentraler Faktor bei der Ausbreitung von HIV unter Frauen, vor allem unter armen Frauen.

Strategien zur Bevölkerungskontrolle sind häufig nicht ausreichend mit Wahlmöglichkeiten verknüpft - das würde die Sache zu einer "politischen" machen. Aber man kann nicht behaupten, dass man Frauen ermöglicht, ihre Fruchtbarkeit zu kontrollieren, wenn diese Fruchtbarkeit doch eingebettet ist in sozio-kulturelle Zusammenhänge und Rituale, die Frauen an jeder Ecke Risiken aussetzen. Von jemandem, der die Sexualität und Fruchtbarkeit einer afrikanischen Frau als Problem definiert, erwarte ich auch gar nicht, dass er oder sie die Person hinter dem Uterus wahrnimmt oder respektiert, dass sie das Recht und das Wissen hat, selbst zu wählen.



...HEIßT KONTROLLE DER FRAU

Sobald wir ein bestimmtes Thema in einen Bezugsrahmen setzen, der geprägt ist durch Vorurteile, unbewiesene Annahmen und konservative Ideologien, verwandeln wir ein Gesundheitsproblem in eine immens komplexe und schwierige politische Angelegenheit.

In buchstäblich allen afrikanischen Gesellschaften wird weibliche Sexualität als problematisch definiert. Ein Ausdruck davon ist z.B. die Praxis der Genitalverstümmelung, die zum Ziel hat, die Sexualität der Frau bereits vom dritten Lebensmonat an zu kontrollieren. Es gibt kulturelle Vorschriften dafür, auf welche Weise Frauen zu sitzen haben, sexistische Überwachungssysteme über Sexualität und Körper junger Mädchen.

Jungen Mädchen wird wieder und wieder erzählt, dass ihre Genitalien hässlich seien und nicht gezeigt werden sollten, dass sie gefährlich seien und beißen wie ein wildes Tier, und die Vagina wird in einer speziellen Kindersprache als etwas bezeichnet, was eine Bedrohung für andere ist.

So werden kleine Mädchen während ihres Heranwachsens zunehmend von sich selbst entfremdet: durch ein Bild ihres Körpers als Objekt, das gefürchtet werden muss (denn er kann außer Kontrolle geraten, vor allem in sexueller Hinsicht, oder in der Größe), sowie durch eine patriarchalische, heterosexistische Kultur, die ihrem Körper zahlreiche entfremdende Charakteristika zuschreibt, die die Frauen internalisieren und als gegeben hinnehmen.

Wenn die Mädchen älter werden, sagt man ihnen, dass es gewisse Körpergerüche gibt, auf die sie achten müssen. Der Prozess der Reinigung des weiblichen Körpers, seiner Vorbereitung für die Inbesitznahme durch den Mann geht Hand in Hand mit der Sozialisation der Entfremdung. In den Gesellschaften des Nordens hat dieses Streben nach geruchlosen weiblichen Körpern absurde Dimensionen erreicht, aber Afrika liegt nicht weit dahinter zurück. Die Obsession mit der Reinigung des weiblichen Körpers, vor allem wenn er Gerüche aus sendet, die mit seiner Fortpflanzungsfähigkeit assoziiert werden, steht in direkter Verbindung mit den Versuchen, Frauen zu kontrollieren und zu zügeln.



GERUCH VON FLITTCHEN

Geruch setzt sofort eine Kettenreaktion in Gang: Er ruft sexuelle Reaktionen von Männern hervor oder wird als Aussage interpretiert, sie sei eine "bestimmte Sorte" von Frau, eine sexuell verfügbare. Obwohl diese Obsession mit Geruch in manchen Situationen auch zu gegenteiligen Interpretationen führen kann, haben die meisten afrikanischen Frauen gelernt, dass Geruch und Körperflüssigkeiten "bedeuten", dass sie Flittchen und Schlampen sind. Deshalb versuchen viele Frauen verzweifelt, ihre Vagina durch gefährliche und ätzende Kräuter und alkalische Produkte trocken zu halten, die eine erhöhte Gefährdung einer HIV-Infektion mit sich bringen.

Der HI-Virus hat auf dramatische Weise der Behauptung rechter Fundamentalisten wieder Auftrieb gegeben, dass Frauen "Sodom und Gomorrha" über afrikanische Gesellschaften gebracht hätten. Das scheint dem Anti-Feminismus, den wir in der Region und auf dem ganzen Kontinent erleben, eine Art Legitimität zu verleihen. Feministinnen werden beschuldigt, für den Verfall der Sexualmoral verantwortlich zu sein, weil sie für Frauengesundheit und sexuelle Rechte eintreten.

Viele afrikanische Frauen kehrten von der UN-Bevölkerungskonferenz 1994 in Kairo mit vielen Ideen für Handlungsmöglichkeiten gegen die dringenden Gesundheitsprobleme ihrer Länder zurück, konnten in ihren Heimatländern aber noch nicht einmal öffentlich über den Begriff sexueller Rechte für Frauen sprechen, weil sie befürchten mussten, als "schlechte Frauen" stigmatisiert und bestraft zu werden.

Es wird uns aber in der Krise nicht helfen, neue Ideen zu unterdrücken, vor allem, wenn die Krise sich im Tod von immer mehr jungen Menschen manifestiert, die gefangen sind in altmodischen Begriffen von sexuellen und Familienbeziehungen. In Ländern wie Simbabwe, Botswana, Südafrika und Malawi findet man die höchsten HIV-Infektionsraten unter jungen Leuten, von denen viele niemals die Familie haben werden, die sie laut der fundamentalistischen Rechten anstreben sollen.

Sexualverkehr vor der Ehe ist noch in keiner Gesellschaft dadurch verhindert worden, dass die Verantwortung für die weibliche Unberührtheit alleine den Frauen aufgebürdet wird ("sei ein gutes Mädchen"). Männer haben sich nicht davon abbringen lassen, sexuelle Promiskuität mit Männlichkeit gleichzusetzen.

Deshalb ist es so wichtig, darauf hinzuweisen, dass viele Widersprüche der patriarchalen Gesellschaft, die zu kulturellen Normen geworden sind, heute noch gefährlicher sind, wenn es um weibliche Moral und Sexualität geht. Sexualität, die von Frauen definiert und als ihr eigener Ausdruck empfunden wird, ist eine Quelle großer Freude und Macht; sie ist ein Mittel, durch das Frauen sich selbst anders positionieren können. Für die meisten afrikanischen Frauen dagegen, vor allem die jungen, denen ihre Fruchtbarkeit als Zentrum ihrer selbst oder dessen, was sie werden können, vor Augen geführt wird, ist die eigene Sexualität immer mehr zu einem Spagat zwischen Reinheit und Bedrohung geworden.



VIKTORIANISCHE MORALVORSTELLUNGEN

Wenn wir uns anschauen, welche Bedeutungen heute im Südlichen und Östlichen Afrika mit der Sexualität der schwarzen Frau assoziiert werden, fällt uns der enorme Einfluss viktorianischer Moralvorstellungen auf. Die Missionare rekonstruierten die afrikanische Frau nach viktorianischem Wertemuster von Moral und Anständigkeit und stülpten ihr auch die dazugehörigen. Kleidungsvorschriften über, die eigentlich für ein kälteres Klima gedacht waren und die Sichtbarkeit weiblicher Körper strengen Grenzen unterwarfen.

Das, was heute in Simbabwe als "anständige" Kleidung für Frauen gilt, ist demnach ein Produkt viktorianischer, weißer, restriktiver Begriffe von Sexualität. Von den Frauen wird erwartet, hässliche Kleidung zu tragen, Kleidung, die den weiblichen Körper verdecken soll, statt ihn zu betonen oder die Weiblichkeit der Trägerin zu feiern. Das öffentliche Ausziehen von vor allem jungen Frauen ist ein beredtes Zeugnis dieses perversen Anstandsbegriffs, der angeblich "afrikanisch" sein soll, in Wirklichkeit aber viktorianisch und ganz und gar rückwärtsgerichtet ist.

Ein anderer Bereich, in dem weibliche Sexualität als bedrohlich und darum kontrollbedürftig konstruiert wird, sind die Technologien, die vor der Kolonialzeit entwickelt wurden. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent stößt man auf Mythen, die die sexuellen Attribute von Frauen mit der Stabilität von Metallen in Verbindung bringen. Bis vor kurzem waren Frauen vom Schmiedehandwerk ausgeschlossen, weil ihre reproduktiven Prozesse einen destabilisierenden Effekt auf die verarbeiteten Metalle haben sollten (und selbst in modernen kapitalistischen Gesellschaften in Afrika kann man diesem Argument noch begegnen).

Vor allem die Menstruation sollte sich angeblich negativ auf das Härten des Metalls auswirken. Obwohl dieser Mythos später die viktorianische Verkleidung annahm, dass die Erzproduktion zu "schweren Arbeit für zarte Frauen sei, ist es eine historische Tatsache; dass Frauen (und Kinder) in der Mineralverarbeitung aller diesbezüglich tätigen Gesellschaften gearbeitet haben - aber als "Handlanger", die von den besser bezahlten Ausbildungsberufen ausgeschlossen waren.

Afrikanische Frauen bleiben die ärmsten Menschen auf diesem Kontinent, weil sie nicht für ihre Arbeit bezahlt werden. Das ist die "andere" fundamentale Herausforderung für die Arbeiterbewegung - falls sie über ihre androzentrischen Konzepte hinausdenken kann, was ich bezweifle.



SEXUELLER MISSBRAUCH

Ich möchte mich jetzt einem sehr beunruhigenden, aber altbekannten Umstand zuwenden, der die Beziehungen zwischen Vätern und Töchtern, Frauen und Männern in heterosexuellen Familien seit Jahrtausenden gekennzeichnet hat. Ich meine Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch von vorwiegend weiblichen Kindern durch ältere männliche Familienangehörige in schwarzen Haushalten.

Dieses "Problem" ist heute schrecklich peinlich für diejenigen, die immer behauptet haben, dass Inzest und sexueller Missbrauch etwas wäre, dass nur die Weißen tun. Aber die Geschichte der männlichen Vorherrschaft über Frauen im häuslichen Bereich zeigt, dass afrikanische Männer seit langer Zeit ihre Töchter vergewaltigen. In manchen afrikanischen Gesellschaften hat der Vater sogar immer noch das rituelle Recht zu sexuellem Verkehr mit seiner Tochter vor ihrer Hochzeit. Es ist sein Recht, sie zu entjungfern. Überall beteiligen sich schwarze Männer am Missbrauch ihrer Töchter - sei es in der Karibik, in Nordamerika, Lateinamerika, Europa oder anderswo.

Schwarze Männer müssen Verantwortung für ihr Verhalten als Individuen und als Mitglieder einer sozialen Gruppe übernehmen. Als schwarzer Mann bezieht man seine rassische und geschlechtliche Identität von den historischen, kulturellen und physischen Charakteristika, die man ererbt, angenommen oder reflektiert hat. Wenn man diese Identität angenommen hat, muss man auch die Verantwortung dafür übernehmen, sich als Individuum und Mitglied einer bestimmten Gruppe zu verändern, die mit bestimmten Verhaltensweisen gegenüber Frauen identifiziert werden.

HIV hat die tiefverwurzelte Verbindung zwischen männlicher Heterosexualität, Macht und dem Objektcharakter des weiblichen Körpers hoch einmal besonders deutlich herausgestellt. Die widersprüchlichen Vorstellungen über weibliche Sexualität zeigen sich z.B. daran, dass weibliche Körper sehr ambivalent betrachtet werden. Einerseits sind sie bedrohlich, andererseits ein Ort der Reinigung. Das führt dazu, dass viele Mädchen von Männern - Vätern, Onkeln, älteren Brüdern, Cousins und sogar Großvätern - vergewaltigt werden, weil sie meinen, sich so von dem Virus befreien zu können. Es ist eine Ritualisierung von sexueller Gewalt, dargestellt als notwendig für das Überleben von Männern, und funktioniert genauso wie die uralte Behauptung, sie hätten nicht anders gekonnt, als die Frau zu vergewaltigen, weil deren Körper eine solche Macht über sie ausübe.

Die öffentliche Reaktion auf diese Tatsache ist Abscheu und Entrüstung. Wir sollten uns aber fragen, warum die Öffentlichkeit (zu der ja auch diejenigen gehören, die in ihrem privaten Bereich sexuelle Gewalt ausüben) begonnen hat, auf dieses Problem zu reagieren.



MORALISCHER AUFSCHREI

Zuallererst müssen wir den öffentlichen Aufschrei gegen Inzest und sexuellen Missbrauch in den Kontext der Kämpfe stellen, die die Frauen auf diesem Kontinent und darüber hinaus seit drei Jahrzehnten führen. Dass sexueller Missbrauch von Kindern heute ein öffentliches Thema ist, verdanken wir der Frauenbewegung. Das muss anerkannt und gewürdigt werden.

Zweitens lässt sich feststellen, dass die Trennung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen immer mehr verwischt, da besonders die Frauenbewegung, aber auch einige Regierungsorganisationen und UN-Konventionen beginnen, auf das von Männern beherrschte Rechtssystem einzuwirken.

Drittens haben wir Fortschritte darin gemacht, Kinderrechte sichtbar zu machen. Der bisher meist stille, aber heftige Kampf, der sich in unseren Gesellschaften zwischen jungen Menschen und ihren Erziehungspersonen abspielt, dreht sich um Rechte - um das Recht auf Sexualität, Körperlichkeit, Mobilität, Sicherheit, Schutz, Zuwendung im weitesten Sinn und Respekt vor dem Individuum, gleich welchen Alters.

Lange Zeit wurde das Leben der Jugendlichen davon bestimmt, was traditionell als akzeptabel und "afrikanisch" galt, sowie von den diktatorischen und zutiefst undemokratischen Beziehungsmustern, die für Abhängigkeits- und Autoritätsverhältnisse zwischen Menschen charakteristisch sind. Wirklich interessant ist an diesem öffentlichen Aufschrei gegen sexuellen Missbrauch jedoch folgendes: Der Grund, dagegen zu sein, ist ein moralischer; Kinder zu vergewaltigen ist "schlecht".

Warum dann gerade jetzt diese moralische Entrüstung, wenn viele von denen, die sich jetzt als Moralwächter aufspielen, sich selbst solcher Verbrechen schuldig gemacht haben? Warum lenken die moralischen Bedenken, die sehr geschickt an das Mitleid mit der Verletzlichkeit von Kindern appellieren, von den bekannten Tatsachen ab? Könnte es sein, dass dahinter die Angst vor dem Aussterben steckt? HIV-infizierte Mädchen leben nicht lange genug, um Mutter zu werden.

Und was ist mit Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch von Frauen (deren Sexualität durch Tabus und kulturelle Vorschriften ritualisiert und eingeschränkt wird)? Wird dieses Problem angesichts des Missbrauchs von Kindern nebensächlich? Wer setzt hier die Prioritäten und zu welchem Preis? Warum ist es nicht akzeptabel, ein kleines Mädchen zu vergewaltigen, wo doch die Vergewaltigung in der Ehe, die der Grund für die hohen Infektionsraten unter Frauen in allen unseren Ländern ist, totgeschwiegen oder von martialischen Beschwörungen kultureller und "afrikanischer" Traditionen verharmlost wird?

Der Staat hat HIV durch seine Intervention zu einem reinen Gesundheitsproblem gemacht - was es nicht ist. Es manifestiert sich in medizinischen Formen, aber der Hintergrund des Problems ist vielfältiger und erheblich problematischer. Nachdem sie das Problem Aids eingestanden haben, behandeln die meisten Staaten in der Region, zu deren Status als ärmsten der Welt sich jetzt auch der Rekord an Infektionsraten gesellt hat, das ganze als eine Angelegenheit der Statistik. Jedes Land möchte die niedrigsten Infektionsraten haben - über die Krankheit selber wird immer weniger gesprochen, und wenn, dann nur in genormten Begriffen.

HIV/Aids. ist faktisch zu einem afrikanischen Problem geworden, und damit zu einem Problem der Armen und Unsichtbaren. Die geschlechtsspezifischen Implikationen von HIV und seine Auswirkungen auf Frauen scheinen zum institutionalisierten Spezialgebiet von Frauenorganisationen geworden zu sein. NRO mit dem Schwerpunktgebiet Kinder kümmern sich darum, wie sich HIV auf Kinder auswirkt. Die Untersuchungen zur Epidemiologie der Seuche werden noch immer vorwiegend von Medizinern gemacht, obwohl Sozialwissenschaftler und Feministinnen immer wieder gefordert haben, das Studium des Virus müsse alle seine vielfältigen Dimensionen miteinbeziehen. Diese Institutionalisierung von HIV als eine Krankheit im traditionellen Sinne hat nicht nur zur Folge, dass gefährliche sexuelle Machtverhältnisse von neuem gestärkt werden. Sie führt auch in eine Sackgasse, die es noch schwieriger machen wird, Frauenrechte in Bezug auf Machtteilung und Sexualität in unseren Gesellschaften durchzusetzen.

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Dies ist eine Seite des AK-ANNA






Der Artikel wurde übernommen aus: - alaska - Nr. 234 -
Bremen, Januar 2001


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Zur Geschichte Der AIDS-Debatte


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Zuletzt aktualisiert 30.05.10





Der Mythos Der Afrikanischen Sexualität - HIV/AIDS Im Kontext Weiblicher Sexualität In Afrika - Artikel aus alaska 234, Stichworte: AIDS Afrika Frauen Sexismus Geschlecht Weiblich Sexualiät Armut AZT TBC Tuberculose Schwangerschaft Tabo Mbeki Virushypothese Duesberg HIV Medikalisierung Südafrika Welt-AIDS-Kongress Durban Deklaration Mosanto Glaxo Wellcome - Die Zusammenhänge von Heterosexismus und AIDS-Diskurs -
























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