Projektionen Von Einer Projektiven Sache
Zur Geschichte Der AIDS-Debatte




Stephan Geene


aids existiert in der heutigen form seit fast 20 jahren, die 1984 staatlich fixierte these vom erreger hiv wurde seitdem nicht wesentlich abgewandelt, immer noch gilt ein retroviraler hi-virus als ausloeser einer als toedlich geltenden krankheit.
dieser toedliche verlauf erscheint heute mittels der komplexeren + vorsichtiger dosierten medikation, der sogenannten tri-therapie, relativiert, dennoch wird davon ausgegangen, dass die krankheit nach nicht heilbar ist.



zeitgleich haben sich auch die ersten kritiken an dieser konzeption der krankheit eingestellt + auch an der kritiklage hat sich seitdem wenig geaendert. wenn auch die oeffentliche wahrnehmung dieser kritiken gewissen schwankungen ausgesetzt war, so ist sie insgesamt wenig einflussreich geblieben. obschon die kritiker/innen zum teil selber einflussreiche mitglieder des wissenschaftlichen establishments waren, konnten sie sich nicht zur geltung bringen.

die frage, die hier interessant ist, kann nicht unmittelbar die sein, ob die kritisierten mehr unrecht haben als die kritiker/innen, sondern eher, welche bedingungen es ermoeglichen, dass eine solche frage unabgeschlossen bleibt.

es geht hier vielleicht mehr darum, aids als paradigma einer offenen gesellschaftlichen aushandlung von medizinischer wirklichkeit zu begreifen. diese offene aushandlung ist zwar durch den starken institutionellen druck auf die durchsetzung der orthodoxen interpretation verhindert worden, dennoch ist der druck moeglicherweise ein indikator dafuer, dass es tatsaechlich eine offene gesellschaftliche auseinandersetzung gegeben hat: in der gesellschaft - der wissenschaftliche bereich blieb dabei voellig aussen vor.

das entspricht gewissen gemeinplaetzen der postmoderne, nach der wirklichkeit konstruiert + wahrheit entsprechend selbst gemacht ist. aber dass solches relativierendes denken sowenig einfluss auf die medizinische praxis hat, zeigt schon, dass sich machtwirkungen im medizinischen bereich langsamer entfalten als vielleicht in entsprechenden bereichen der kultur + viel mit dem 'koerper von gewicht' zu tun haben, der spezifischen widerstand besitzt.

fuer das phaenomen aids sind nicht nur die bedingungen interessant, die aids ermoeglichten, sondern auch das, was durch aids ausgeloest wurde: eine gesellschaftliche auseinandersetzungen, die zum modell von kommunitaerer willensbildung wurde + deren begriff des politischen soziale, oekonomische + aesthetische frage in einen zusammenhang stellt.



KURZE GESCHICHTE DER HIV INTERPRETATION

1981/82 erscheinen in den usa die ersten artikel uber neue erkrankungen bei schwulen maennern, die in der szene unter 'schwulenkrebs' zusammengefasst werden, allerdings erst in der medizinischen fachpresse.bald entwickelt sich daraus ein gegenstand der massenmedien, die eine intensive diskussion in einer zutiefst verunsicherten oeffentlichkeit nach sich zieht. sowohl die zahl der krankheitsfälle als auch die aufgestachelte öffentliche diskussion erreicht von ende 1985 bis mitte 1987 ihren höhepunkt, auch in westeuropa, auf die sich die diskussion ausgeweitet hat. dabei geht es sehr schnell um die angebliche herkunft der auf einen viralen erreger zurueckgefuehrten krankheit aus afrika (den biss einer gruenen meerkatze, einer affenart) und um formen der ausbreitung der krankheit und wege ihrer eindämmung. da zunächst kein medikament auf dem markt ist, das die krankheit bremst oder gar heilt, besteht eine fast experimentelle situation. in dieser situation werden entwicklung und umsetzung gesundheitspolitischer innovationen begünstigt, aber auch neue formen sozialpolitischen engagements, repraesentations- und identitaetspolitiken. sozialwissenschaftler/innen + vertreter/innen aus der pflege, der psychologie und anderer nicht-medizinischer heilberufe besetzen dieses vakuum, in dem sie bekämpfungsstrategien gegen aids propagieren, die auf information, vorbeugung und solidarität mit erkrankten setzen, das entstehen von aids-aktivistischen gruppen ist mit ihrer integration von zeitgenoessischen kuenstlerischen strategien vor allem in new york wesentlich dafuer mitverantwortlich, dass die durch aids forcierte stigmatisierung homosexueller zurueckgedraengt werden kann + in manchen bereichen ueberhaupt zu einer neuen selbstbewussten sichtbarkeit fuehrt.

dem steht in der brd eine repressive linie der bayerischen ordnungspolitiker um gauweiler und stoiber entgegen, die nach zwangstestungen und isolierung von aids-erkrankten verlangen. doch gerade in der abwehr dieser reaktionären strategie trifft sich ein breites soziales bündnis von bürgerrechtler/ innen mit der gesundheits- und schwulenszene. insbesondere die anfang der 80er noch von der jahrzehntelangen verfolgung geprägte, schwache schwulenbewegung in deutschland wächst in dieser rolle, nicht zuletzt dank finanzieller hilfen der gesundheitsbehörden beim aufbau von zentren, zeitungen und aids-hilfen.

bereits 1984 hatte der leiter des nationalen krebsinstituts der usa robert gallo die hiv-these mit unterstuetzung der amerikanischen gesundheitsministerin heckler verkuendet. das gemeinsame auftreten der beiden zeigte bereits an, dass es sich hier um eine frage der nationalen sicherheit handelte + verlieh gallos deutung autoritaet. streitereien zwischen gallo + dem franzoesischen forscher am pasteur-institut luc montagnier um die 'entdeckung' des virus + die zutage tretenden faelschungen gallos konnten aufgrund der bereits breit durchgesetzen hypothese der autoritaet der these nichts mehr anhaben.

aus der hiv-these hat sich bisher keinerlei medizinische relevanz fuer die aids-behandlung ergeben. dennoch dient aids weiterhin als argument fuer die durchsetzung der gentechnologie. nur mit gentechnologischen verfahren sei ein heilung der krankheit moeglich. dieses argument ergibt sich geradezu logisch aus der konzeption der krankheit: die retrovirale taetigkeit ist wie ein abbild der gentechnologischen verfahren schlechthin: ein agent codiert die dna der zelle um.



KURZE GESCHICHTE DER KRITIK

als 1987 der deutsch-amerikanische molekularbiologe peter duesberg den artikel "HIV is not the Cause of AIDS", im CANCER RESEARCH veröffentlicht, sind aids-hilfen und medizinische behandlungsstrukturen schon weitgehend etabliert, zwar werden duesbergs thesen zunächst in schwulenszene und auch in der politik diskutiert, z.b. weil dies die medizinische suche nach kofaktoren der krankheit antreiben, oder auch wie rechte kreise spekulieren - weil es die these von den sittlich-moralischen gefahren der homosexualität untermauern könne, doch beide szenen lassen schnell wieder von ihrer auseinandersetzung um duesberg ab, weil seine ausführungen nicht in ihre konzeptionen integrierbar sind.

auch als jahre später der 'erstentdecker' des hiv, der leiter des pariser pasteur-instituts luc montagnier, auf dem welt-aidskongress 1992 in florenz und ein jahr später - diesmal etwas mehr beachtung findend - in einem leitartikel der londoner SUNDAY TIMES einräumt, er und die wissenschaft insgesamt habe die bedeutung des virus überschätzt, wird dies von wissenschaft, politik und aktivisten gleichermaßen ignoriert.

weil aber die thesen insbesondere von duesberg immer häufiger den weg in die medienberichterstattung finden, wird nunmehr in kreisen der aids-forschung deutlich abstand von ihm genommen, weil er eine epidemiologisch falsche drogenhypothese vertrete, mit dieser distanzierung verkürzt die neueren arbeiten duesbergs. ihm wird häufig der vorwurf der reduktion der aids-problematik auf drogenkonsum gemacht , wohingegen er das medikament azt zunehmend in den mittelpunkt seiner hypothese rückt. dabei stützt er sich vor allem auf die studie des new yorker schwulenaktivisten john lauritsen 'AZT - Poison by Prescription' (lauritsen 1990). in anlehnung an dessen buchtitel nennt duesberg azt 'AIDS by Prescription'.

azt zerstöre, so duesberg, die kettenstruktur der dna und schwäche so die immunabwehr, zu deren schutz es vorgeblich eingesetzt werde. auch das knochenmark werde angegriffen und so die produktion neuer helferzellen gestoppt. die schweren nebenwirkungen des azt wie uebelkeit, völlige lethargie und geistige verwirrung gelten ebenso als typische anzeichen einer fortschreitenden aids-erkrankung, lauten die schweren anwürfe duesbergs gegen das therapeutikum.

an dieser stelle wird duesberg sogar zum vehementen kritiker der biotechnologischen aufrüstung, an der er zuvor selber mitgewirkt hat. als hintergrund seiner kritiker wähnt er die wissenschaftliche und kommerzielle unattraktivität dessen, was er ,,vergiftungsprävention,, nennt. so sind trotz der seiner meinung nach unbedeutenden rolle der virologie für den nutzen der bevölkerung bereits zehn vertreter ihres standes mit dem nobelpreis ausgezeichnet worden. der vorläufige höhepunkt dieses gesellschaftlichen irrglaubens habe sich im krebs-programm seit 1971 manifestiert, an dessen größten erfolgen ist duesberg zwar selber beteiligt, doch gibt er sich im nachgang selbstkritisch und bescheiden und räumt ein, dass es unter dem aspekt klinischer relevanz vollständig gescheitert sei.

hier kommt es nach duesberg zu einem interessensbündnis der virologen mit den spezialisten des 'epidemic intelligence service' (EIS), die seit 1951 ausgebildet und inzwischen wesentliche schlüsselpositionen der öffentlichen gesundheitsverwaltung bis hin zu den internationalen diensten innehaben. tatsächlich folgt das auftreten von aids zeitnah der erstmaligen züchtung und messung von t?helferzellen, der entdeckung und isolation von retroviren und einem gleichzeitigen beschäftigungsvakuum für die forscherteams. in dieser logik ist die krankheitsdefinition aids genau das, was in entsprechend interessierten kreisen benötigt wird, um vom eigenen misserfolg ablenken und die entwickelten innovationen massenhaft anwendbar und somit industriell verwertbar zu machen.

allerdings liegt mit dieser enthüllung des EIS eine art verschwörungstheorie vor, die die abgehobenheit duesbergs beispielhaft illustriert, zwar mag die personelle uebereinstimmung der EIS-absolventen mit den aids-akteuren ungemein hoch sein, doch handelt es sich bei der etablierung von krankheitsdefinition und aetiologiekonzept um eine sehr begrenzte us-amerikanische wissenschaftsszene, die miteinander ohnehin vielfach verflochten ist.

die these duesbergs, dass hiv nicht die ursache von aids sei oder, wie andere gruppierungen argumentieren, gar nicht existiere - wird zwar durch ueberlegungen zur durchschaubarkeit machtpolitischer kalkuele oder zu den naturwissenschaftlichen luecken in der orthodoxen argumentation plausibler gemacht, muss aber die tatsaechlichkeit des medizinischen apparates, der sich auf eine andere these geeinigt hat, aus dem dann wieder als medizinisch rein gedachtem substrahieren. wenn aber ein medizinisches phaenomen gerade nicht von seinen realen institutionellen bedingungen getrennt werden kann, die es konstituieren, kann auch die moegliche 'luege' nicht vom koerper getrennt werden, in den sie sich - sogenannt - 'einschreibt in diesem zusammenhang bekommen strategien, wie die der us-amerikanischen act-up-gruppen, die ihre wissenschaftlichen einstellungen an sich veraendernden emanzipationsanforderungen ausrichten + ihre aesthetischen umsetzungsformen besondere bedeutung. ein konsequenter bezug auf die abwehr simplistischer wahrheitsdiskurse koennte diese erfahrungen auch fuer zukuenftige politikformen zentral werden lassen.

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Der Artikel wurde übernommen aus: - alaska - Nr. 234 -
Bremen, Januar 2001


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Frei Von Armut Frei Von AIDS -
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Zuletzt aktualisiert 30.05.10





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