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- Der Neue Mensch -


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Ein Atavi™ ist manchmal auch hilfreich

 

Es war 5.oo Uhr Morgens als sie das erste mal aufwachte. Ihr Atavi hatte sich eingeklemmt. Mit einem Seufzer rollte sie sich auf die Seite und schlief wieder ein. Um 7.oo Uhr summte der Elektrowecker, ein Erbstück aus dem Besitz ihrer Urgroßmutter aus der Zeit der us-amerikanischen Hegemonie. Manchmal träumte sie sich in diese Zeit zu Beginn des 21ten Jahrhunderts hinein - damals hatten sich Menschen mit Bierbauch nackt in der Öffentlichkeit gezeigt, sie hatte das auf alten Fotos gesehen, auch 'zur Zeit Frauen' -.

Im Bad dachte ihre Mitbewohnerin gerade darüber nach, in welcher Farbe sie ihre Schuppenimplantate lackieren sollte. Für das Vorstellungsgespräch schlug sie blaumetalik vor. Aber Ina entschied sich für helles grün.

 

Auf dem Bildschirm in der Küche blinkte die Rechnung des Biomedizincenters inzwischen schon tiefrot. Sie mußte unbedingt irgendwo Geld auftreiben. Die kurzzeitige Fingerverlängerung zu Haloween hatte einfach zuviel gekostet. Und dabei war alles umsonst gewesen, Anna hatte mit der implantierten durchsichtigen Schädelplatte sowieso Alle ausgestochen.

Am Tisch benutzte sie ihren Spezialstuhl mit Ausschnitt für ihren Atavi™. Genetische Modifikationen, wie ihr Atavi™, wurden heute kaum noch durchgeführt. Operative Veränderungen konnten viel leichter der jeweiligen Mode angepaßt werden. Für viele Jugendliche und Erwachsene war dies wirklich zu einem großen psychologischen Problem geworden, z.B. die genetische Veränderung der Hautfarbe, vor allem bei 'zur Zeit Frauen'. Welche will schon mit einer Hautfarbe rumlaufen, die zur Zeit ihrer Geburt einmal modisch war. Sicher es gab Medikamente zur Veränderung der Hautfarbe, aber die waren für Menschen ohne genetische Veränderung ausgelegt. Als eine gute Freundin mit blauer Haut einmal eine leichte Rosatönung erreichen wollte, färbte sich ihr blaue Haut kotzgrün. Haare färben war demgegenüber einfach.

Ihren Atavi™ fanden die meisten wenigsten niedlich.

Aber der medizinische Fortschritt ging immer weiter. Und sie mußte los zur Arbeit. Sie steckte schnell noch zwei Psychedelic-Lights ein, die Firma wollte ausgeglichene und lächelnde MitarbeiterInnen.

 

Auf der Fahrt zur Firma überlegte sie wieder einmal, ob sie es nicht mal mit einer Geschlechtsumwandlung probieren sollte, konnte sich aber wieder nicht entscheiden.

 

Nach der Arbeit lief sie etwas umher. Am Ufer des Flusses stand eine sympathisch wirkende 'zur Zeit Frau'. Auch sie hatte einen Atavi™. Sie kamen ins Gespräch. Dann mußten sie gehen - beide trauten sie sich nicht zu sagen, was sie dachten, sie würde sich nicht wiedersehen -. Doch dann blieben sie mit einem Ruck stehen, beide wurden sie rot und mußten lachen. Ihre Atavis™ hatten sich verwickelt. Ihr Atavi™ war ein silbergrauer pelzbewachsener Schwanz, der Atavi™ der anderen 'zur Zeit Frauen', die ihr jetzt in die Augen schaute, war ein langer Schwanz mit kurzem roten Fell.

Manchmal waren Atavis™ auch hilfreich.[1]

 

 

Medizin als Disziplinartechnik

 

Medizin ist heute zuerst Disziplinartechnik. Sie ist darauf ausgelegt die Funktionsfähigkeit der Individuen in der Gesellschaft sicherzustellen. Im Extrem zeigt sich dies in der Psychiatrie/Zwangspsychiatrie, dies gilt aber auch für die Hausarztmedizin. Im Sinne moderner Biopolitik funktioniert sie dabei primär über Momente der Selbstdisziplinierung und Selbstkontrolle, die aber heute wieder verstärkt durch repressive Maßnahmen abgesichert werden. Zu nennen sind hier, die Diskurse über das Rauchen und über Körpergewicht und z.B. ihre Auswirkungen bei Bewerbungsgesprächen um einen Arbeitsplatz, aber auch, die Überprüfungen von Krankschreibungen, Selbsbeteiligung, usw..

 

Dies alles gilt nicht nur für die klassische Medizin sondern auch für die Alternative Medizin[2], wobei letztere, gezwungener Maßen, in höherem Maße auf Selbstdisziplinierung setzt, dafür aber auch den ‘ganzen Menschen’ ins Visier nimmt.

Gleichzeitig kommt es zur Herausbildung eines Bereiches nicht primär disziplinatorischer konsumierbarer Medizin mit Übergängen zur modischen Körperkonstruktion. Aber auch dies ist kein Bereich der Freiheit. Als Teil der Notwendigkeit zur zunehmnenden Selbstvermarktung, der eigenen Inwertsetzung als Ware, ist hier die Disziplinierung nur einem anderen Ziel untergeordnet.

 

In beiden Fällen, der ‘Gesundheitsideologie’ wie der ‘Selbstvermarktung’ wird eine Übernahme der Disziplinartechnologien aber nicht nur repressiv erreicht, sondern insbesondere als Substitution anderer Bedürfnisse verkauft. So ist die Disziplinartechnik der Selbstkontrolle, z.B. Diäten Sport, ein Moment das genutzt wird das Gefühl von Kontrollverlust in der neoliberalen Gesellschaft durch Selbst- und Körperkontrolle zu substituieren. Durch operative Eingriffe, wie z.B. die Genitalvertümmelung intersexueller Kinder oder Schönheitsoperationen, scheint es möglich sich ein Stück ‘normaler’ oder sogar ‘bevorzugter’ Teilhabe an der Gesellschaft für sich oder die Kinder durch die medizinische Umkonfigurierung des Körpers einzukaufen. Die kurze Erzählung am Anfang schreibt diese Entwicklung fort.

 

 

Wo liegt eine Alternative?

 

Wo liegt eine Alternative zu Disziplin und Konsum?

Wie sieht eine selbstbestimmte, freie, nicht konsumistische Medizin aus?

Müßte dies nicht zuerst bedeuten, den Menschen selbst zu überlassen zu bestimmen, ob sie krank sind oder nicht?

Und müßte nicht ihnen die Entscheidung über die Art und Weise der Behandlung überlassen werden – z.B. lange schlafen, nicht arbeiten -?

Müßten nicht alle Behandlungspraxen und Wirkstoffe für den Eigenbedarf freigegeben werden?

Dies würde bedeuten auch Lebensweisen, die zu einem frühen Tod führen als gesund anzuerkennen, sobald diese Lebensweise selbsbestimmt gewählt wurde?

 

Was tun?



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[1] Der Begriff Atavi™ wurde Mitte des 21ten Jahrhunderts von der Firma NanoGenetics als Abkürzung für durch genetische Modifikationen erzeugte Atavismen eingeführt.

[2] Insbesondere führt die kritiklose Übernahme der Medizin anderer Kulturen im Alternativen Wirtschaftssektor auch zur Übernahme der auch in diese Medizin (z.B. als sozialer Praxis) eingeschrieben autoritären Strukturen, z.B. bzgl. des Geschlechterverhältnisses. Durch die kulturspezifisch anderen Metaphern wird dies häufig zusätzlich unklar. Der Begriff des Flüssigen ist z.B. in Europa ein Begriff, der als Metapher häufig oppositionell zum autoritär mechanistischem Menschenbild aufgegriffen wird (Z.B. in der feministischen Theorie von Luce Irigaray), in der chinesischen Medizin werden autoritäre sexistische Geschlechtstereotype aber gerade in einer Begrifflichkeit ausgewogener Flüsse und des ‘richtigen’ Flusses formuliert und eben nicht in einer Mechanik des Festen. Die Metapher des Flüssigen aus der chinesischen Medizin ist reaktionär.















































Zuletzt aktualisiert 30.05.10



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Krankheit Körper Kapital - Alternativen - Text zur Einleitung in das Thema Medizin Macht Subjekte.Stichworte: Körpernorm Kapital Macht Medizin Subjekte Krankheit Abweichung Normierung Machtpolitik Subjekt - Körpernormen für die Welt von Morgen -


























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