Politische Einflußmöglichkeiten auf die Nanotechnologieentwicklung - Internationaler Widerstand


Außerhalb Deutschlands ist Nanotechnologie in vielen Ländern längst ein Thema innerhalb linker politischer Zusammenhänge und von Gruppen aus der Umweltbewegung.

In den USA betreiben diverse VerbraucherInnengruppen zum Teil schon über einen Zeitraum von mehreren Jahren massive Lobbyarbeit gegenüber den staatlichen Institutionen, insbesondere bezogen auf die Food and Drug Adminisstration (FDA, US-Lebensmittelüberwachung) und die Environmental Protection Agency (EPA). Als erster Erfolg kann hier die Kategorisierung von Nanosilber als Pestizid durch die EPA angesehen werden.
Bei der Einrichtung eines Universitätslabors der University of California mußten auf Grund von Bevölkerungsprotesten die Sicherheitsstandards erhöht werden.
Eine Vielzahl an Gruppen aus den Spektrum der Umweltschutzbewegung und der Gentechnologiekritik machen auch Öffentlichkeitsarbeit zur Kritik der Nanotechnologie. Kritische Stellungnahmen gibt es auch aus Sicht militarismuskritischer Gruppen, aus Sicht von AktivistInnen der Krüppelbewegung (Kritik der Rolle der Nanotechnologie im Bereich Human Enhancement) und von politischen AktivistInnen aus dem Bereich der Bürgerrechte (Kritik Nano-Überwachungstechnologie).
Auch in Großbrittanien, Kanada und Australien haben sich vor allem Gruppen aus dem Gentechnikwiderstand und der Umweltschutzbewegung des Themas angenommen. In Großbrittanien und Australien haben darüber hinaus einzelne Gewerkschaften (TUC) das Thema aufgegriffen.
Sowohl in Großbrittanien als auch in den USA gab es bereits 2004 erste öffentliche Proteste gegen Nanokonferenzen und Eddie Bauer (Kleidung).

Schwerpunkt bei all diesen Protesten waren und sind aber immer die Umwelt- und Gesundheitsgefahren. Eine Ausnahme bildet hier nur die zur Zeit weltweit wohl wichtigste Gruppe, die sich kritisch mit Nanotechnologie befaßt, die ETC-Group aus Kanada, die Nanotechnologie in Wechselwirkung mit juristischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und Realitäten kritisiert, z.B. im Kontext Patentrecht oder in Bezug auf ihre Auswirkungen auf die weitere Konzentration der landwirtschaftlichen Produktion in der Hand weniger Konzerne.

In Frankreich gab es massive Proteste gegen den neu errichteten Forschungskomplex MINATEC (Micro and Nanotechnology Innovation Centre) in Grenoble, dem größten Forschungskomplex dieser Art in Europa. Verstärkt wurden diese Proteste dadurch das fast parallel ein HausbesetzerInnenprojekt in Grenoble geräumt wurde.

In Deutschland passiert bisher so gut wie nichts. Ein Grund ist vermutlich ein zumindest partiell erfolgreiches Management der Risikowahrnehmung durch diverse privat-staatliche Initiativen. Nanotechnologie wird im deutschen Sprachraum schon seit mehreren Jahren mit einem von Konzernen und Staat alimentierten weitschweifeigen Risikodiskurs begleitet. Hier werden die Risiken schon mal vorab diskutiert, bevor kritische Teile der Bevölkerung auf die Idee kommen, das selbst zu tun.

Die ökologischen und gesundheitlichen Risiken der Nanotechnologie sind auch nach Einschätzung vieler FachwissenschaftlerInnen erheblich. Das Problem ist, daß zur Zeit, mangels Wissen über die neuen nanotechnologischen Materialien, die einzige Möglichkeit zur Begrenzung dieser Risiken ein Anwendungsmoratorium ist. Dies wird aber mit Blick auf den internationalen Konkurrenzkampf als inakzeptabel angesehen. Eine politische Bewegung, müßte heute massiv ein solches Anwendungsmoratorium einfordern. Ziel müßte sein die Verbreitung von Nanomaterialien soweit als möglich zu verhindern.
Hier kann auf das bekannte Aktionsrepertoire aus dem Gentechnikwiderstand u.a. zurückgegriffen werden, z.B. gezielte Kampagnen gegen einzelne Marken, z.B. zuerst ansetzen bei sensiblen Produkten (Babynahrung), usw..
Dies wäre aber im Gegensatz zum Widerstand gegen Atomenergietechnologie und zur Genetik ein zeitlich befristetes Ziel, da das Risikopotential der meisten Nanomaterialien eher mit dem neuer Chemikalien vergleichbar ist, und in 20 bis 30 Jahren vermutlich technologisch und technokratisch beherrschbar sein wird (Zur Zeit existieren nicht einmal klare Stoffkategorien).

Die eigentlichen Probleme der Nanotechnologie liegen eher in dem von der ETC-Group angeschnittenen Bereichen. Nanotechnologie ist eine Basistechnologie (neue leichte, stabile, leitfähige Materialien), die eine Vielzahl weiterer Entwicklungen nach sich ziehen wird. Die Entwicklungsrichtungen fallen dabei nicht vom Himmel, sondern werden von der Finanziers vorgegeben.
Zur Zeit werden solche technologischen Innovationsmöglichkeiten fast ausschließlich zur Reproduktion und Verschärfung von Herrschaftsverhältnissen genutzt, dies ist aber keine technikimmanente Notwendigkeit. Die Frage ist, wie hier eine politische Intervention möglich ist, die andere technologische Entwicklungslinien durchsetzt?
Dazu mangelt es zur Zeit bereits an der Möglichkeit überhaupt solche alternativen Ideen zu entwickeln und zu diskutieren, von ihrer Durchsetzung ganz zu schweigen.

Den Raum zur Diskussion alternativer Technologieentwicklungen müßte sich die Linke erst wieder öffnen, bei der Genetik und der Atomenergietechnologie war es, auf Grund der unbeherrschbaren Risiken, richtig diesen Diskurs zu verweigern, im Fall der Nanotechnologie ist dies nicht so einfach, neue Nanomaterialien könnten z.B., sowohl bzgl. Energieeffiziens, als auch als Ersatz für Rohstoffe, sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten darstellen.


J. Djuren - 2008

FIN





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Zuletzt aktualisiert 1.4.08





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