Nano-Widerstand gegen Nanotechnologie


Widerstand gegen Nanotechnologie - Perspektiven

Zur Zeit gibt es in Deutschland kaum aktiven Widerstand gegen die Entwicklung der Nanotechnologie, die entlang der Interessen von Industrie und Militär betrieben wird [1]. Durch professionelle Ethikinstitutionen und PR-Agenturen wird eine Scheindebatte über Pro und Kontra entfacht, die viel mit männlichen technologischen Größenphantasien und wenig mit der Realität zu tun hat. Leider werden diese Ablenkungsdebatten auch von einem Teil der KritikerInnen unkritisch (nur ins Negative gewendet) aufgegriffen. Linke Politik müsste den Zusammenhang zwischen Technologieentwicklung und sozialen Konflikten aufgreifen.


In den USA, Großbritannien, Kanada und Australien gibt es inzwischen eine Vielfalt an Gruppen, Einzelpersonen und FachwissenschaftlerInnen, die zum Thema Nantechnologie arbeiten (einschließlich der Gründung einer Fachzeitschrift zum Thema Nanotoxikologie). Größtenteils ist der Fokus dabei aber auf die ökologischen und gesundheitlichen Folgen von Nanomaterialien gerichtet. Weltweit gibt es nur sehr wenige Gruppen, die sich mit den politisch gesellschaftlichen Implikationen auseinandersetzen. Die große Ausnahme ist hier die ETC-Group in Kanada, die z.B. Zusammenhänge zwischen Nanotechnologie und Patentrecht und Auswirkungen auf die Landwirtschaft speziell im Trikont thematisiert.
          Sicher sind die ökologischen und gesundheitlichen Fragen im Kontext der Verwendung von Nanomaterialien nicht unwichtig. Letztendlich aber dürfte sich die gesamtgesellschaftliche Betrachtung als wichtiger erweisen. Es bedarf der Kritik an einer Entwicklung, in der diejenigen, die den Hauptnutzen haben, meist nur einen geringen Teil der ökologischen und gesundheitlichen Folgekosten tragen müssen. Dabei geht es nicht um eine Kritik der großen technologischen Verschwörung (die eher zu Grimms Märchen zu zählen ist), sondern um die Bestimmung der Partialinteressen, die die Technologieentwicklung bestimmen.
          So investiert die Industrie insbesondere in den Bereichen in die Weiterentwicklung von Produktionsmitteln, in denen die Lohnkosten hoch sind, z.B. auf Grund starker gewerkschaftlicher Organisierung. Ein anderes Interesse der Industrie ist die Ausweitung des Zugriffs auf bisher nicht kapitalisierbare Ressourcen, also die Privatisierung von Allgemeingut. Das Hauptmittel war dafür in den letzten Jahrzehnten das ausufernde Patentrecht, das nun mit der Nanotechnologie auf die Patentierung von Materiearten ausgeweitet wird. Darüber hinaus geht es um die Entwicklung von Ersatzprodukten für Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte, um so einen Preisdruck auf Exporteure auszuüben. In all diesen Bereichen wird die Nanotechnologie in den nächsten Jahrzehnten eine Schlüsselrolle spielen. Der weltweit größte Förderschwerpunkt in der Nanotechnologie liegt darüber hinaus im Bereich der Militär- und Überwachungstechnologien.
          Nanotechnologie bietet als basale Materialtechnologie aber auch eine Vielfalt an Möglichkeiten für die Entwicklung gerechterer gesellschaftlicher Perspektiven. So kann sie auch genutzt werden, um problematische Rohstoffe zu ersetzen, energiesparende Produkte zu entwickeln, leichtere und dauerhaftere Produkte zu entwickeln oder neue Formen regenerativer Energiegewinnung zu ermöglichen.
          Auch diese Entwicklungen können sich sowohl positiv als auch negativ auswirken, je nachdem in welcher Form und zu welchem Zweck sie eingeführt werden und wie sorgsam soziale, ökologische und gesundheitliche Nebenwirkungen berücksichtigt werden. Notwendig ist insofern eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung, die sich auf Forschungsfragestellungen, auf die Technologieentwicklung und ebenso auf den Einsatz von Technologie in der Gesellschaft bezieht.
          In den letzten rund 20 Jahren ist es nicht wirklich gelungen, einen Gruppenzusammenhang aufzubauen, der sich kontinuierlich mit linker Naturwissenschafts- und Technologiekritik und alternativen Entwicklungen auseinandersetzt. Auch der AK-ANNA [2], der ursprünglich mit diesem Ziel gegründet wurde, ist die meiste Zeit nicht über die Kritik der bestehenden Verhältnisse hinausgekommen.
          Wesentlich hängt dies mit der Struktur der Aktiven zusammen. Die Linken, die bereit sind, über einen längeren Zeitraum intensiver zu einer Fragestellung zu arbeiten, entscheiden sich meist für aktuelle 'drängende' Probleme (z.B. Flüchtlingsarbeit, AntiFa). Für Projekte mit sehr langfristigen Perspektiven und ohne Tagesaktualität bleibt meist nur begrenzte Kapazität.
          Entsprechende Probleme prägen fast alle Ansätze alternativer Naturwissenschaftsstukturen. Ein großer Teil der Wissenschaftsläden und Öko'forschungsgruppen' hat sich entweder aufgelöst oder institutionell 'professionalisiert' und ist heute Teil des Beraterkapitalismus. Projekte (z.B. feministische Naturwissenschaftsforschungsprojekte), die von vornherein auf staatliche Finanzierung setzen, haben nicht weniger Probleme Kontinuität zu wahren, da ihre Finanzierung immer wieder neu in Frage steht und stark von politischen Konjunkturen abhängt.
          Trotzdem ist die Geschichte der jüngeren Technologiekritik keine Geschichte der Misserfolge, über die Brüche hinweg konnten in den letzten 20 Jahren auch immer wieder Ideen für gute Arbeit weiterentwickelt werden. Aus diesen Erfahrungen lassen sich für die kritische Auseinandersetzung mit Nanotechnologie Schlussfolgerungen ziehen: Wichtig ist die Verknüpfung der Technologiekritik mit den Schwerpunkten von politisch aktiven Gruppen (z.B. im Bereich Globalisierungskritik, Antimilitarismus, Bürgerrechtsgruppen oder in Gewerkschaften). Fragestellungen und Alternativen sollten dabei in Zusammenarbeit mit Betroffenen entwickelt werden.
          Die Kritik und Suche nach Alternativen sollte sowohl die Festlegung gesellschaftlicher Entwicklungsrichtungen durch Technologie als auch die Produktion wissenschaftlicher "Wahrheiten" entlang gesellschaftlicher Partialinteressen, Vorurteilen, etc. diskutieren. Es braucht dafür Strukturen, die von Staat und Kapital unabhängig sind und dennoch eine gewisse Dauerhaftigkeit aufweisen. Die erarbeiteten Ergebnisse müssen frei zugänglich gemacht werden, um anderen Gruppen die Anknüpfung zu ermöglichen.

Zur Zeit nimmt der AK gerade einen neuen Anlauf. Mit NaNie NANO werden wir weiter probieren, was geht!


Jörg Djuren


Erstveröffentlicht; analyse & kritik - Nr. 527 - Hamburg - 2008



FIN





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Fußnoten

- Fußnote 1 - Zurück zum Text
Vgl. hierzu den Artikel aus ak 524 - NANO-Technologie -.

- Fußnote 2 - Zurück zum Text
Der Autor arbeitet im AK-ANNA mit, AK ANNA = Alternative Naturwissenschaften Naturwissenschaftliche Alternativen. Siehe http://www.ak-anna.org








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Zuletzt aktualisiert 30.11.08





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