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Am unteren Ende dieser Seite findet Ihr noch einen kurzen Text über das erkenntnistheoretische Grundmißverständnis bzgl. der Empirie in den Naturwissenschaften, die Empirie beweist nicht - Die Empirie der Naturwissenschaften beweist nicht, sie falsifiziert nur
Der Bodensatz der
Suppe
Ansätze
für eine qualitative
naturwissenschaftliche
Empirie
'Aufrührerisch
brachten
sie den Tisch unter dem Topf ins Wanken
-
der
Naturwissenschaftler konnte es nicht verhindern
also
entschloß er sich, es zu ignorierten,
und verschluckte
sich tapfer
an den nun
oben schwimmenden Brocken.'
Ausgangspunkt ist die Kritik. Die Kritik einer
naturwissenschaftlichen erkenntnistheoretischen Theorie und Praxis, in der die
NaturwissenschaftlerInnen über kein kritisches Instrumentarium verfügen,
über keinen Ansatz der auf die eigene Theorie und Praxis gewandten Kritik.
NaturwissenschaftlerInnen, denen ihre erkenntnistheoretische Praxis
unbewußt ist, und die sich bei Kritik auf einen naiven Standpunkt der
unwissenden 'Unschuld' zurückziehen, oder diesen Standpunkt und ihre
'Unschuld' sogar agressiv verteidigen - als hätten ihre
Forschungsansätze und empirischen Praxen keine politischen Implikationen,
als würden sie nicht ihre subjektiven Weltbilder in ihre Forschung
hineinlegen, um sie dann dort ganz überraschend wiederzuentdecken.
Wobei ich die Überraschung durchaus für
glaubwürdig halte, da ich ja gerade von der Unbewußtheit dieser
Handlungen ausgehe und davon, daß die eigenen subjektiven Setzungen im
Foschungsprozeß nicht beachtet werden. Nur bezüglich der Inhalte
ihrer Forschung, z.B. bestimmte Technologien (Waffen, Atomenergie, u.a.) zu
entwickeln, sind NaturwissenschaftlerInnen heute äußerstenfalls
bereit die Interesseneinflüsse zuzugeben, aber bezüglich der Methodik
stellen sie sich selbst als Erfüllungsgehilfen einer Naturgesetzlichkeit
dar; - Wie Gott durch die Propheten sprach, spricht nun die Natur durch die
NaturwissenschaftlerInnen. Dabei waren in prophetischen Texten zumindest noch
unterschiedliche Auslegungen der Gleichnisse angelegt, im Gegensatz zum
Totalitarismus der einen eindeutigen richtigen Lesart naturwissenschaftlicher
Texte.
Die feministische Naturwissenschaftskritikerin Donna
Haraway faßt dieses Sprechen im Namen der Natur in der Metapher des 'Anspruchslosen
Zeugen'1, als
die sich NaturwissenschaftlerInnen darstellen würden, einer Zeugnisschaft
in der das Subjekt scheinbar ganz zurücktritt.
Schaue ich mir also die konkrete empirische Praxis,
in der sich die Natur den NaturwissenschaftlerInnen offenbart, an, z.B. die
statistische Empirie, am Beispiel des Rauchens.
Allgemein wird der Zusammenhang zwischen Rauchen und
Krebs als gesichert angenommen, bei Frauen insbesondere im Zusammenhang mit
Brustkrebs. Für die europäische Durchschnittsbürgerin gilt,
daß sich mit Rauchen die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung
erhöht.Nun tritt aber in China das Phänomen auf, daß dort bei
gleichem Rauchverhalten wesentlich geringere Brustkrebsraten auftreten. Dies
bedeutet, daß es offensichtlich nicht das Rauchen alleine ist, welches
den Krebs auslöst. Wenn nun aber andere Faktoren bewirken, daß
Rauchen gar nicht diese Auswirkung hat, kann ich dann überhaupt davon
sprechen, daß Rauchen die Ursache des Krebs ist? In einer multikausalen
Kette ist es beliebig welche Faktoren ich als relevant bezeichne, wenn ich die
anderen fest lasse. Wenn ein Staudamm überläuft, war er vielleicht zu
niedrig, oder es hat zu stark geregnet, oder es wurden zu viele Flüsse
begradigt, oder zu viele Wälder abgeholzt, oder zuviel Böden versiegelt,
oder es wurde nicht rechtzeitig genug Wasser abgelassen, oder .. .
Welche Faktoren ich als natürlich und fest
ansehe, z.B. bzgl. Krebs; europäische Lebensmittel mit vielfältigen
gesundheitsgefährdenden Zusatzstoffen, niedrigenergetische Strahlung,
Luftverschmutzung, Arbeitsbelastung usw., hängt von der Interessenlage ab,
die ich vertrete, und von der Art der Faktoren selbst. Denn nicht alle Faktoren
sind meßtechnisch erfaßbar. So kann ich relativ einfach erheben ob
KrebspatientInnen geraucht haben, oder welche genetische Dispositionen sie
haben, zu erheben welche
Lebensmittelzusatzstoffe
sie in welchen Mengen zu sich genommen haben, ist aber
praktisch unmöglich.Würde z.B. Krebs wesentlich durch geringe
Dosierungen bestimmter Lebensmittelzusätze über einen Zeitraum
mehrerer Jahrzehnte ausgelöst, so würde dies nicht erfaßt
werden können. Bei einer Reihe weiterer Faktoren gilt dies ebenfalls.
Sagen läßt sich, daß Rauchen unter den normalerweise gegebenen
Lebensbedingungen in Europa Krebs erheblich begünstigt. Das ist aber
genauso, wie die Rede von den Dämmen die zu niedrig sind, wenn mann
über Ökologie, Industriewachstum, Tourismus u.a. nicht reden will.
Die statistische Wissenschaft führt so strukturell zur Überbewertung
all der Faktoren, die sich einfach dem Untersuchungsgegenstand zuordnen lassen,
und das sind insbesondere eben auch genetische Faktoren und das Rauchen.
Außerdem fließen in jede Statistik durch die Entscheidungen, welche
Faktoren als fest (nicht beachtenswert) und welche als variabel angesehen
werden sollen, Interessen und, durch die Übernahme der Auffasungen von
Normalität, der Subjektstandpunkt, Ängste und Wertungen mit ein. Das
Problem liegt darin, daß dies geschieht ohne daß sich
WissenschaftlerInnen ihre Motivationen klar machen. Wieweit hängt z.B. die
starke Fokussierung der Krankheitsforschung auf das Rauchen mit Ängsten
vor oralen Befriedigungen, mit unbewußten Verknüpfungen des Rauchens
mit dem Verwerflichen und Schmutzigen einer protestantischen lust- und
leibfeindlichen Ethik zusammen?
Statistiken lügen nicht, vielmehr produzieren
sie Wahrheit. Eine Wahrheit, die an den Interessen und Voreingenommenheiten,
der NaturwissenschaftlerInnen, bzw. ihrer AuftraggeberInnen, ausgerichtet ist
und bestimmte Faktoren strukturell bevorzugt.
Um dies aufzulösen bräuchte ich eine
Empirie, die die subjektiven Setzungen kritisch hinterfragt, und die
darüberhinaus in der Lage ist, die strukturellen Vorannahmen in Frage zu
stellen. Also eine Empirie, die in ihrer Praxis auch die Wirkung hegemonialer
Diskurse und der Herrschaftsverhältnisse auf die Forschung, nicht nur
inhaltlich sondern auch methodisch reflektiert, eine Praxis, die die
qualitativen Zusammenhänge aufrührt. Dies setzt aber eine kritische
Theorie voraus, die die großteils implizite gesellschaftliche und
psychologische Wahrheitsproduktion überhaupt in der Lage ist in Frage zu
stellen. Eine Theorie, die z.B. Metaphern, wie 'die Gebärmutter als
dunkel dräuender Ort'2,
die von Naturwissenschaftlern in populärwissenschaftlichen Texten geäußert
werden, deuten kann, und in der Lage ist den Zusammenhang aufzudecken, zwischen
der hier deutlich werdenden Angst des männlichen Subjekts und dem
allgemeinem Subjekt-Objekt Verhältnis, wie es in der Empirie konstruiert
wird. Dieses Problem der Produkion von Wahrheit ist dabei nicht nur ein Problem
statistischer Empirie auch die klassische Ursache -Wirkungskorrelation wird
primär aufgrund von Ausschlüssen aller möglich
'Stör'faktoren erzeugt.
Ein konkretes Beispiel ist die psychiatrische
Genetik (immerhin ein Bereich der mit mehreren hundert Millionen weltweit
jährlich gepusht wird). Natürlich kann ich einer MolekularbiologIn
nicht auf der Ebene ihres Faches widersprechen, wenn sie meint, spezifische
Korrelationen irgendwelcher Enzyme oder weiß ich was z.B. mit dem
Borderline Syndrom (psychische 'Erkrankung' mit starker Nähe zur
Schizophrenie3) festgestellt zu haben. Nur steht sie ebenso im Wald,
wenn ich ihr mit der Lacanschen Psychoanalytischen Theorie
Erklärungsansätze liefere. Wir können uns dann gegenseitig unser
Fachvokabular an den Kopf schmeißen und gegenseitig feststellen,
daß unsere Theraphieansätze beide nicht besonders erfolgreich sind,
nur: - Eine Entscheidung zwischen diesen Ansätzen ist auf der Basis
innerwissenschaftlicher Argumente nicht möglich. Dies gilt schon deshalb,
weil die meisten menschlichen Erkrankungen multikausale, komplex
ineinandergreifende Ausgangspunkte haben. Auch hier gilt wieder: Welche dieser
Ausgangspunkte ich zu Ursachen definiere und, welche ich als Normalzustand nicht
weiter betrachte, ist letztendlich wissenschaftliche Willkür. Welche
molekularbiologischen Abweichungen vom Durchschnitt halte ich für normal?
Das Problem geht sogar noch darüber hinaus,
nämlich um die Frage, ob die Fragestellung überhaupt einen Sinn macht,
bzw. welchen Sinn - das heißt in diesem Fall, ob es sowas wie Borderline
als 'Krankheit' überhaupt gibt? Nehme ich ein anderes Beispiel, und nehme
an, ich würde den Sauerstoffgehalt der Luft soweit reduzieren, daß
nur Menschen überleben könnten, die mindestens 98% der
durchschnittlichen Lungenkapazität haben. Wäre es dann richtig zu
sagen, daß der Rest der Menschen deshalb stirbt, weil sie krank sind,
weil ihre Lungenkapazität geringer als 98% ist? Gerade im Fall von
Borderline ist es höchst umstritten hier von Krankheit überhaupt zu
reden. Aus Teilen der Antipsychiatriebewegung würde hier wohl eher von
Normabweichung und widerständigem Handeln die Rede sein. Es gibt Kulturen,
die das, was wir als Borderlinesyndrom kennen, nicht als Krankheit kennen, da
sie eine andere Subjektkonstitution haben, bzw. mit Abweichungen anders
umgehen.
All diese empirischen 'Ergebnisse' sind auch
politische Entscheidungen, bzw. Ergebnisse der Wechselwirkung komplexer
Diskurse und der Gesellschaft mit den Naturwissenschaften.
Und dies gilt nicht nur für Biologie und
Medizin auch die Physik und ihre Empirie kann sich diesen Fragen nicht
entziehen. Bereits in den 30er Jahren des 20ten Jahrhunderts forderte der
französische Philosoph Gaston Bachelard eine Analyse naturwissenschaftlicher
Begriffe, d.h. die kritische Hinterfragung der Begriffsgeschichte, der
unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Kontexte, die sich in Begriffen wie
Masse, Energie u.a. im Laufe der Jahrhunderte abgelagert haben. Am Beispiel des
Massebegriffs verdeutlichte er, wie festgefahrene Vorstellungen ein
umfassenderes Begreifen in der Physik immer wieder behindern - bis hin zur
Moderne und den Schwierigkeiten im Sinne Diracs eine negative Masse zu denken.
Ausgangspunkt waren für ihn die Erfahrungen der Umbrüche in der
Physik der 30er Jahre4. Und eine solche historische Analyse von
Begriffen müßte ergänzt werden um ein psychoanalytische Analyse
der mit ihnen verbundenen Metaphern und der Hinterfragung ihrer Einbettung in
Herrschaft. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray führt in
ihrem, in anderen Texten dieser Zeitung schon genannten, Aufsatz 'Die
Mechanik des Flüssigen'5 z.B.
einige der Zusammenhänge zwischen einer Logik des nur Festen in der
Physik, des Ausschlusses von Frauen
und der männlichern Subjektkonstitution aus.
Das Argument, das wissenschaftshistorisch
betrachtet, im Experiment, durch das Experiment, Fragestellungen immer wieder
verschoben worden wären, d.h., daß in Experimenten Unerwartetes zu
Tage tritt, und das deshalb von einer Konstruktion der Wahrheit keine Rede sein
könnte, übersieht, daß Konstruktionen immer auf einer
Materialität basieren, die sie überformen. D.h. die
NaturwissenschaftlerInnen erzählen nicht irgendwelche frei erfundenen Geschichten,
sondern durch die empirische Praxis wird die Realität/Materialität
passend für die herrschenden Diskurse/die eigene Anschaung zurechtgebogen.
Gerade diese Subsumtion einer widerständigen Materialität unter eine
herrschende Praxis, unter vorherrschende Diskurse, ist die eigentliche
herrschaftsaffirmative Leistung der Naturwissenschaften. Zwar besitzt die
Materialität/Realität eine gewisse Trägheit, d.h. sie ist nicht
beliebig formbar, insofern kommt es auch zu einer Umstrukturierung der Diskurse
und Anschauungen, aber es gibt doch mmer beliebig viele Möglichkeiten sie
zu interpretieren. Keine empirische Praxis kommt ohne Setzungen aus deren
Infragestellung auch zur Infragestellung der Ergebnisse führen.
Darüberhinaus muß das Unerwartete, das im Experiment zu Tage tritt
nicht unbedingt der Materialität des Untersuchungsgegenstandes geschuldet
sein, es kann sich bei diesem Unerwartetem auch um das Unbewußte, die
unbewußten vorab von den NaturwissenschaftlerInnen hineingelegten
Vorstellungen handeln, die nun ent-deckt werden. Klassische Beispiele
hierfür lassen sich z.B. in der Tierverhaltensforschung finden. Da
entdecken dann Forscher ganz 'überraschend' genau die ihrer Zeit
entsprechenden sozialen Verhaltensstereotype6 auch wieder in der
Tierwelt. Ein anderes Beispiel ist die 'überraschende' Feststellung,
daß Erbinformation als Text aufgefasst werden kann, dabei wurde diese
Vorstellung von vornherein in diese Theorie hineinkonstruiert.

NaturwissenschaftlerInnen dürften zunehmend die
hier angesprochenen Probleme bewußt sein, trotzdem verweigern sich die
meisten einer Weiterentwicklung der empirischen Theorie und Praxis. Dies
hängt einmal vermutlich mit einer Subjektkonstitution von
NaturwissenschaftlerInnern zusammen, in der sie häufig ihre Arbeit gerade
als Fluchtmöglichkeit vor den Ungewißheiten bewußter
Subjektivität nutzen, und nun zu Recht fürchten, daß es bald
vorbei sein könnte mit der Einfachheit, Eindeutigkeit und
Subjektunabhängigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis, und dies ist außerdem
wohl auf die Verwertungsbedingungen naturwissenschaftlichen Wissens im
Kapitalismus zurückzuführen, der nun mal quantitative,
algorytmisierbare, strukturell der Warentauschlogik angenäherte
Erkenntnisse für eine Inwertsetzung benötigt. Eine Weiterentwicklung
naturwissenschaftlicher Empirie hin zu einer qualitativen Forschung, die die
Herrschaftsbeziehungen, die Subjekt-Objektbeziehung, und die impliziten
Setzungen mit in ihre Untersuchungen einbezieht, und damit auch sich kritisch
auf sich selbst zurückwendet wird nur gegen diese Widerstände durchzusetzen
sein. - Wie könnte eine solche Forschung nun konkret aussehen?
Teilen der SozialwissenschaftlerInnen sind diese
Probleme einer wissenschaftlichen Empirie bald 100 Jahre bewußt. So gibt
es in den Sozialwissenschaften auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert der
Entwicklung qualitativer Forschungansätze, z.B. die ethnomethodologischen
Forschungsansätze
oder den von Frigga Haug in den 70er Jahren in Anlehnung an die kritische
Psychologie entwickelten Ansatz der Kollektiven Erinnerungsarbeit7. Auch die Psychoanalytische
Theorie und Praxis
stellt eine Praxis qualitativer Empirie dar. Zum Teil wurden diese Ansätze
im Zusammenhang mit feministischer Forschung gerade in den letzten Jahrzehnten
noch einmal erheblich weiterentwickelt. Die Frage stellt sich inwieweit diese
Forschungsansätze strukturell auf eine Qualitative Empirie der
Naturwissenschaften übertragen werden können?
Natur als Forschungsbereich der Naturwissenschaften
und Kultur, Individuum und Gesellschaft als Forschungsbereich der Sozialwissenschaften
sind strukturell zu unterscheiden, ich kann also im Allgemeinen Ansätze,
die ich am konkreten Forschungsbereich entwickelt habe, nicht einfach von der
einen Wissenschaft zur anderen übertragen, oder umgekehrt. Die
Soziobiologie mit ihrer Reproduktion rassistischer und sexistischer Klischees
bis hin zur Mittäterschaft im Nationalsozialismus basiert vor allem auf
einer solchen Ignoranz der Differenz von Natur und Kultur.
Bei den oben genannten qualitativen Forschungspraxen
geht es aber nicht primär um Praxen, die am Forschungsbereich entwickelt
wurden, sondern um Praxen, die vor allem die Subjekt-Objekt Dialektik der
Forschungspraxis zum immanenten Bestandteil dieser Praxis machen. D.h. die
qualitativen Forschungsansätze sind Versuche das Subjekt des
Forschungsprozesses, also die WissenschaftlerInnen, und ihre Eingebundenheit in
Herrschaftspraxen und Dominanzdiskurse zu thematisieren. Die Subjekte der
Forschung, die WissenschaftlerInnen, kommen aber in Sozial- und
Naturwissenschaften aus den selben gesellschaftlichen Hintergründen (bis
hin zur Schichtspezifik) und ihre Einbindung in Diskurse und Herrschaftspraxen
unterscheidet sich auch nur partiell. Die in den Sozialwissenschaften
entwickelten Praxen einer qualitativen Sozialforschung müßten in diesem
Sinn auf eine qualitative naturwissenschaftliche Empirie übertragbar sein.
Ziel ist dabei eine naturwissenschaftliche Praxis die sich ihres eigenen
Standpunkt klar und bewußt ist. Eine, wie es die feministischen
Theoretikerin Donna Haraway unter Bezug auf Sandra Harding formuliert,
verortete Praxis bzw. starke Positionalität. Naturwissenschaftliche
Theorie und Praxis beinhaltet immer auch 'eine Wahl zwischen verschiedenen
Lebensweisen und Weltauffassungen.' Naturwissenschaft ist 'handeln, begrenzt und schmutzig,
nicht transzendent und sauber. Wissensproduzierende Technologien,
einschließlich der Modellierung von Subjektpositionen und der Wege der
Besetzung solcher Positionen, müssen' deshalb 'immer wieder sichtbar und offen für
kritische Eingriffe gemacht werden.'8 - Schaue ich mir die oben genannten drei Beispiele
qualitativer Forschungspraxis in diesem Sinn an.
Psychoanalytische Theorie und Praxis
Der Einbezug psychonalytischer Kenntnisse in die
Forschung bedeutet den Versuch die Formierung der Fragestellungen, der
Wahrnehmungen und der Theorie durch das Unbewußte der forschenden
(Natur)WissenschaftlerIn aufzudecken und damit eine Hinterfragung möglich
zu machen, um so z.B. zu neuen empirischen Ansätzen kommen. Ausgangspunkt
sind dabei psychoanalytische Theorieansätze die eine kritische Theorie des
Subjektes und der Subjekt-Objekt Beziehung entwickeln. Eine Theoretikerin
für die das gilt ist z.B. Regine Becker-Schmidt. In ihrem Text 'Die
Gottesanbeterin - Wunschbilder und Alpträume am Computer'9 führt sie z.B. Thesen
zum Zusammenhang von Technologieentwicklung, Ängsten, die aus der
frühkindlichen Subjektgenese in der bürgerlichen Gesellschaft
herrühren, und Bildern, mit denen die Technik beschrieben wird, aus. Der
Text gibt ein Beispiel dafür, wie eine Analyse naturwissenschaftlicher
Forschung aussehen könnte. Im Text werden Bilder und Metaphern aber auch
die affektive Wirkung der Technologie untersucht.
Ein wesentliches Moment psychoanalytischer
Erkenntnispraxis beruht auf dem Wissen um die Strukturen von Übertragung
und Gegenübertragung. Das beschreibt, daß die Analyse dazu
führen kann, daß die PatientIn die AnalytikerIn z.B. mit der
Vaterfigur identifiziert und sich in ihrem Verhalten in der Analyse auf diese
Weise ihr Verhältnis zum Vater abbildet, dadurch kann dieses
Verhältniss aufgearbeitzet werden, in dem die PsychoanalytikerIn dies
analysiert, ohne die zugewiesene Funktion zu übernehmen. Dazu muß
sie/er sich selbst auch Analysen unterziehen. Formen der Übertragung gibt
es aber auch in der objektbezogenen Forschung der Naturwissenschaften. Zu
fordern ist damit, daß sich auch NaturwissenschaftlerInnen
regelmäßig befragen lassen auf ihre impliziten Übertragungen.
Ein Ausgangspunkt der Analyse kann hier die Untersuchung von Metaphern (Datenfluß/virgin
cells/u.a.) und mythischer Aufladungen
(unendliche Energiequellen/ewiges Leben/Leben machen/u.a.) im
alltäglichen Reden von NaturwissenschaftlerInnen und ihres
Bedeutungsüberschusses, ihres impliziten, aus der psychoanalytischen
Theorie bekannten Inhaltes sein.
Ein Beispiel für eine solche Anwendung
psychoanalytischer Kentnisse führt die Wissenschaftshistorikerin Maria
Osietzki aus10. Sie
analysiert die Entwicklung der Begriffe von Kraft und Energie in der Physik des
19. Jahrhunderts und in den Männlichkeitsdiskursen dieser Zeit. Sie zeigt
dabei auf, wie das Aufkommen des zweiten Hauptsatzes der Themodynamik, also die
Vorstellung vom dauernden Verlust nutzbarer Energie (Entropie - Wärmetod),
mit einer Krise der männlichen Potenzvorstellung einhergeht. Eine Kopplung,
die nicht bei wenigen Ingenieuren zu erheblichen Anstrengungen zur
Überwindung dieses entropischen Verlustes führte - wobei eine Linie
gezogen werden kann vom Versuch des Baus eines Perpetuum Mobilee über die
Kybernetik bis hin zur modern Informationstechnologie, in der der Traum einer
verlustfreien Existenz auf Dauer heute seinen Ausdruck findet. Ein Einbezug
dieser unbewußten Vorstrukturierung könnte damit nicht nur in der
Thermodynamik zu neuen Forschungsansätzen führen sondern auch in der
Informatik.
Ein anderes und sehr offensichtliches Beispiel
für den Einfluß des Unbewußten auf die Forschung ist die schon
genannte in der Gen- und Reproduktionstechnologie aufzufindende Metapher von 'der
Gebärmutter als dunkel dräuendem Ort'11, und die in ihr sich äußernden
Ängste vor der Gebährpotenz von Frauen und Ängsten, die aus der
frühkindlichen Subjektentwicklung herrühren, da wird die
Gebährmutter zum Risikoumfeld für 'das Kind', das zu diesem Zeitpunkt als
eigenständiges Subjekt überhaupt erst durch die medizinischen
(Bild)Technologien produziert wird,12usw.. In den
Forschungsansätzen führt dies zu einem starken Überhang an
Kontrolltechnologien und zur Unfähigkeit Mutter und Kind als komplexe und
in sich differente Einheit zu begreifen. ForscherInnen, die diese
unbewußten Ängste reflektieren und außer Kraft setzen
würden, würden zweifelsohne zu anderen Fragestellungen und einer
anderen Empirie kommen.
Aufgrund der mit diesen naturwissenschaftlichen
Setzungen einhergehenden Repression gegen Frauen ist auch aus anarchistisch
feministischer Sicht eine andere Forschungspraxis überfällig.
Insgesamt gilt, daß die Strukturierung der
naturwissenschaftlichen Praxis durch das Unbewußte der
NaturwissenschaftlerInnen ein wesentlicher Prozeß ist der zur
Reproduktion der bestehenden Herrschaftsverhältnisse durch die
Naturwissenschaften beiträgt, da hier unbewußt die herrschende
Gesetzlichkeit, d.h. die allgemeingültigen normativen Setzungen dieser
Gesellschaft, der naturwissenschaftlichen Empirie unterlegt und in die Theorie
eingeschrieben wird. Die psychoanalytische Theorie und Praxis zeigt sich also
als wichtiges Erkenntnismittel auch in der naturwissenschaftlichen Empirie und
der darin eingehenden Subjekt-Objekt-Beziehungen.
Kollektive Erinnerungsarbeit
Auch die Praxis der Kollektiven Erinnerungsarbeit
kann in diesem Sinn als Mittel der Analyse des Prozesses der Einschreibung der
Herrschaftsverhältnisse in die Forschungspraxis durch das Subjekt
aufgegriffen werden.
Die Praxis der Kollektiven Erinnerungsarbeit ist
eine Methode zur Analyse von Herrschaftsverhältnissen in Alltagspraxen.
Und eben als eine solche Alltagspraxis fasse ich auch die Forschungspraxis auf.
Ausgangspunkt sind Geschichten über kurze Erlebnissequenzen zu einem
bestimmten Thema, z.B. zu Thema Haare, die von einzelnen TeilnehmerInnen der
forschenden Gruppe geschrieben werden, und von allen TeilnehmerInnen der
forschenden Gruppe zusammen durchgesprochen und dann von der Erzählerin
überarbeitet werden, um sie erneut kritisch zu hinterfragen. Dieser Ablauf
wird mehrmals wiederholt. Die Analyse in der Gruppe geht dabei von einer
vorhergehenden Beschäftigung mit kritisch theoretischen Texten zum Thema
aus. Ziel ist es, die Auslassungen im Text zu füllen und so die impliziten
aber meist nicht mit- oder nur unvollständig berücksichtigten
allgemeinen gesellschaftlichen Hintergründe und alltäglichen Gewalt-
und Herrschaftspraxen aufzudecken. Die Frage richtet sich also auf das
Allgemeine im Besonderen und die Art und Weise, wie es sich im Einzelfall in
die Verhältnisse einschreibt, wie also z.B. im Beispiel Haare, sich im
Umgang und der Belegung dieses Themas, partriarchale Verhältnisse und
geschlechtliche Stereotype in alltäglichen Situationen einschreiben, und
auch, wie sie die Autorin einschreibt oder ausläßt.
Begreifen wir das empirische Script eines
naturwissenschaftlichen Versuches in ähnlicher Weise, wie die genannten
Einzelerzählungen, als eine Erzählung, geschrieben von der den
Versuch durchführenden WissenschaftlerIn (oder einer Gruppe von
WissenschaftlerInnen), eine Erzählung, die durchaus konkrete Erfahrung
wiederspiegelt, gleichzeitig aber gerade in ihren Randbereichen und ihren
Auslassungen auch hegemoniale Stereotype und Herrschaftsverhältnisse
reproduziert, dann könnte die kritische Hinterfragung auf diese
Auslassungen und Stereotype ein Schritt zu der oben unter Rekurs auf Harding
benannten starken Positionalität in den Naturwissenschaften sein.
Voraussetzung für eine solche Praxis ist aber
die vorhergehende Auseinandersetzung mit einer kritischen politisch
psychologischen Theorie naturwissenschaftlicher Erkenntnispraxis - die
fundiertesten Ansätz sind zur Zeit in der feministischen Theorie zu finden
-, um überhaupt einen Ausgangspunkt für die Bearbeitung des
Empiriescriptes zu haben. Nur mit einer Theorie, die
Herrschaftsverhältnisse und Machtdiskurse aufdeckt, macht dies einen Sinn,
denn nur dann können die durch die herrschenden Verhältnisse oder
eigene Interessen eingeschriebenen Setzungen thematisiert werden. Dabei geht es
darum sich die Setzungen bewußt zu machen und sich nicht selbst weiter in
einem Stadium unwissender 'Unschuld' zu halten, also darum, eine Entscheidung
für oder gegen spezifische Einschreibungen mit ihren politischen,
subjektiven und Machtwirkungen zu treffen. Auch hier müßte die Praxis
wechseln zwischen kritischer Durcharbeitung des Empiriescriptes und einer sich
daraus ergebenden sich ändernden empirischen Praxis. Natürlich kann
es hier nur um Theorieansätze gehen, die auch in der Lage sind eine
Subjekt-Objekt-Dialektik zu fassen.
Ein Beispiel, in dem eine Anwendung der Methodik der
Kollektiven Erinnerungsarbeit in der Empirie interessant sein könnte,
wäre die von Elvira Scheich in ihrem Text 'Was hält die Welt im
Schwung'13
ausgeführte Übertragung der Logiken, die in unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereichen zur Anwendung kommen (im Fall der Impetustheorie
der Übernahme von Begriffen und logischen Prinzipien aus der Sphäre
des Frühkapitalismus). Es wäre interessant zu schauen, zu welchen
empirischen Ansätzen ich komme, wenn ich die Empiriescripte und z.B. auch
wieder den Massebegriff unter diesem Gesichtspunkt hinterfrage und andere
Logiken einbeziehe. An diesem Beispiel wird aber auch ein Problem alternativer
Naturwissenschaft deutlich; Die hegemoniale herrschende naturwissenschaftliche
Empirie und Theorie gewinnt ihre Glaubwürdigkeit und auch überhaupt
ihre Verständlichkeit wesentlich durch ihre Anschlußfähigkeit
an andere bereits bestehende Diskurse. Außerdem gewährleistet die
Anschlußfähigkeit z.B. an die kapitalistische Logik auch die
Verwertbarkeit der Ergebnisse der Forschung. Qualitative Forschungsergebnisse
laßen sich z.B. nur sehr schwer in Geldwert umsetzen.
Eine alternative Naturwissenschaft bedarf also der
Einbindung in einen Zusammenhang alternativer politischer und
gesellschaftlicher Theorie und Praxis, alternative Naturwissenschaft macht nur
Sinn als Teil eines politischen alternativen Ansatzes, auch in diesem Sinn
beziehe ich mich auf die anarchistischer Theorie und Praxis.
Der
ethnomethodologische Ansatz
Der ethnometodologische Ansatz beruht darauf, den
Effekt der Verfremdung zu nutzen
um selbstverständlich Erscheinendes hinterfragen zu können. Dabei
wird von der WissenschaftlerIn nicht nur die ethnologische fremde Gruppe
analysiert, sondern auch das eigene Verhalten und die eigene Gesellschaft neu,
aus der, durch das Leben in einer fremden Gesellschaft, verfremdeten
Pespektive, bzgl. ihrer Setzungen hinterfragt. Das heißt Ausgangspunkt
für die kritische Forschungspraxis ist hier die Ver-rückung des
forschenden Subjekts in der Praxis und die Analyse der sich daraus ergebenden
Brüche und Widersprüche in der Erfahrung. Ausführliche Beispiele
gibt es hier z.B. aus dem Bereich der Forschungen über Sexualität und
Geschlecht14. Die
Forschung richtet sich also in beide Richtungen, und damit auch explizit auf
das forschende Subjekt selbst, für das aus der Forschungspraxis eine
Dezentrierung bzgl. bisheriger Normen und Wahrheiten folgt. Es betrachtet sich
selbst aus einer ver-rückten Perspektive als Ver-rücktes. Die Hinterfragung
der eigenen Perspektive führt dabei zwangsläufig auch zu einer
Änderung der Fragestellungen und der Forschung, die wiederum zu weiteren
Infragestellungen der eigenen Anschauung und Wirklichkeit führt. Der
Ansatz besteht also darin, das Unbekannte als Teil der eigenen Subjektposition,
als Teil der eigenen Anschauung, zuzulassen. - Überraschung! - Nichts
hassen NaturwissenschaftlerInnen wahrscheinlich mehr - wollen sie doch,
zumindest für sich selbst, berechenbar bleiben.
Diese Fähigkeit zur Lust auf das
Überraschende, das Unbekannte, gilt es in die naturwissenschaftliche
Alltagspraxis zu integrieren. Dabei kann die Forschungpraxis der Ethnologie
nicht einfach übernommen werden, denn ihr Ausgangspunkt ist die Fremdheit
des Gegenüber bei gleichzeitigem Interesse - also eine Lust auf das Fremde
- aus der heraus Menschen am Ende des 20. Jahrhunders bzw. zu Beginn des 21.
Jahrhunderts ja gerade die Ethnologie als ihren Forschungsansatz wählen.
Die meisten NaturwissenschaftlerInnen suchen in der
Natur aber nicht nach Verunsicherung, die Natur ist für
NaturwissenschaftlerInnen vielmehr Garant einer verlässlichen
Gesetzlichkeit. Notwendig sind also Mittel, die sowohl das Fremde in der Natur
betonen, und es gleichzeitig mit dem eigenen Unbekannten lustvoll in Zusammenhang
bringen. Um darauf eine analytisch kritische empirische Praxis aufzubauen, die
mir ermöglicht, durch das Begreifen des eigenen Unbekannten, auch das
Fremde in der Natur zu begreifen, oder umgekehrt.
Ein Zeitpunkt zu dem sich Menschen in diesem Sinn,
wenn auch in in ganz anderer Weise als in der Ethnologie, der Natur nähern
ist der spielerische Umgang mit Natur in der Kindheit - wichtig ist
hierfür aber die Fähigkeit sich auch selbst in diesem Spiel wandeln
zu können - ein Überfluß an Möglichkeiten. Dieser
Überfluß hat seine Quelle im Fließen der Begriffe, ihren
unentschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten und in der Vermischung von
Nichtzusammengehörendem - z.B. im Kinderspiel, in der noch nicht
gelingenden Unterordnung des Anschauens und Begreifens unter die Norm - . Die
Kinder sind in diesem Sinn noch keine bürgerlichen Subjekte - dem
Fluß der Begriffe entspricht ein fluides Subjekt - . Die Frage ist, wie
ließe sich dies auf die Naturwissenschaft übertragen und mit einer
analytisch kritischen Praxis in Zusammenhang bringen.
Eine lustvolle Möglichkeit für mich als
NaturwissenschaftlerIn zu einer Praxis der Entfremdung mir selbst als
NaturwissenschaftlerIn gegenüber zu kommen und zu einem fluiden Subjekt,
zu flüssigeren und das heißt für Alternativen offeneren
Begrifflichkeiten, ist der Einbezug anderer Begreifensweisen der Natur, z.B.
die Integration literarischer Praxen, oder eigener Alltagswahrnehmung. Also die
Integration von Praxen und Anschauungen, die nicht in die Naturwissenschaften
gehören, eine unlautere Vermischung. Wieso sollten in einer konkreten
empirischen Beobachtungspraxis nicht verschiedene textuelle Beschreibungspraxen
zu Wort kommen - literarische - klassisch wissenschaftliche - lyrische. Um sie
dann zusammen zu diskutieren in ihren jeweiligen aufeinander verweisenden oder
widersprechenden Bedeutungsgehalten, und daraus die weitere Empirie
anzurühren. Das heißt die klaren Unterscheidungen fallen zu lassen,
aber gerade dadurch zu einer Hintefragung zu kommen und nicht auf diesem Wege aus
der Literatur oder dem Alltag die gleichen alten banalen Klischees zu
reproduzieren, die ja gerade in den Naturwissenschaften außer Kraft
gesetzt werden sollen. Das setzt den Bezug auf literarische Praxen voraus, die
radikal in ihrer Ästhetik auf sich selbst reflektieren (wie z.B. DaDa,
Surealismus, ..) und diese Stereotype außer Kraft setzen, ein
Rückbezug auf klassische Erzählstrukturen würde nur weitere
Stereotype hinzufügen, z.B. 'das Naturschöne' usw..
Ein Beispiel für eine kritische Praxis in diesem Sinn liefert Luce
Irigaray in dem schon genannten Text 'Die Mechanik des Flüssigen'. In einem Spiel mit der Metapher des
Flüssigen nutzt sie die Vieldeutigkeiten um den Begriff auch in der Physik
über seine formale Bedeutung hinaus auszudehnen. Ein anderes Beispiel,
zwar nicht aus den Naturwissenschaften, aber aus der wissenschaftlichen
psychoanalytischen Theorie, der gleichen Autorin, ist ihr Text 'Speculum' in dem sie Freud gegen Freud zu Worte
kommen läßt. In einer virtuosen textuellen Praxis wendet sie
Freudzitate so das ihr impliziter (patriarchaler) Inhalt aufgedeckt wird.
Für aller drei Ansätze aus den
Sozialwissenschaften ergeben sich also interessante Möglichkeiten für
eine Übertragung dieser qualitativen Methoden in die Naturwissenschaften.
In den Sozialwissenschaften gibt es eine ganze Reihe weiterer qualitativer
Forschungsansätze, die wahrscheinlich weitere interessante Perspektiven
für eine qualitative Empirie in den Naturwissenschaften eröffnen
können. Notwendig für eine konkretere Ausformulierung und Wirksamkeit
ist aber die Anwendung in der naturwissenschaftlichen Praxis.
Natürlich gehen diese Praxen der Ent-deckung
des impliziten Textes der Naturwissenschaften nicht nur
NaturwissenschaftlerInnen etwas an, und sinnvoll aus einer anarchistischen
Sicht erscheint von vornherein diese Formen der Wissensproduktion auf eine
breite gesellschaftliche Basis zu stellen um nicht wieder den PriesterInnen die
Auslegungsbefugnis zu überlassen.
'Die Suppe
sollte vor dem Verzehr noch einmal aufgerührt werden
- ;
Aufruhr und
Widerstand in den Naturwissenschaften!'
Fin
AutorIn: J.Djuren
Am unteren Ende dieser Seite findet Ihr noch einen kurzen Text über das erkenntnistheoretische Grundmißverständnis bzgl. der Empirie in den Naturwissenschaften, die Empirie beweist nicht - Die Empirie der Naturwissenschaften beweist nicht, sie falsifiziert nur
Hinweise
1) Haraway, Donna - Anspruchsloser
Zeuge@ Zweites Jahrtausend. FrauMannc trifft OncoMaus - in: HG. Elvira
Scheich - Vermittelte Weiblichkeit: Feministische Wissenschafts- und
Gesellschaftstheorie - Hamburg 1996
2) Corea, Gina - MutterMaschine -
Berlin 1986
3) Sowohl bei Borderline wie
Schizophrenie ist höchst umstritten, ob hier von einer Krankheit
überhaupt zu reden ist, oder ob es sich hier um ganz unterschiedliche Dinge,
die nur willkürlich unter diesem Begriff zusammengefaßt werden,
handelt. Außerdem stehen diese 'Erkrankungen' im engen Kontext einer
bürgerlichen Normalisierungsgesellschaft, ihrer Subjektkonstitution und
ihrer Zwänge.
4) Bachelard, Gaston - Die Philosophie
des Nein - Wiesbaden 1978
5) Irigaray, Luce - Die Mechanik
des Flüssigen - in: Das Geschlecht das nicht eins ist - Berlin 1979
6) Haraway, Donna - Primatologie
ist Politik mit anderen Mitteln - in: Das Geschlecht der Natur - HG. Barbara
Orland/Elvira Scheich - Frankfurt a.M. 1995
7) Haug, Frigga - Vorlesungen zur
Einführung in die Erinnerungsarbeit - Hamburg 1999
8) siehe Fußnote 1
9) Becker-Schmidt, Regine - Die
Gottesanbeterin - in: Computer und
Psyche Angstlust am Computer - HG.
Alexander Kraft/Günther Ortmann - Frankfurt a.M. 1988
10) Osietzki, Maria - Energie und
Entropie. Überlegungen zu Thermodynamik und Geschlechterordnung - in:
Geschlechterverhältnisse in Medizin, Naturwissenschaft und Technik - HG.
Christoph Meinel/Monika Renneberg - Bassum, Stuttgart 1996
11) siehe Fußnote 2
12) Als würde es Sinn machen
zu diesem Zeitpunkt eine klare Trennung zu ziehen, die ein 'Kind' als
eigenständiges Subjekt konstruiert. Ausführlich wird die Konstruktion
des Kindes als eigenständiges Subjekt durch den Einsatz medizinischer
Technologie von Babara Duden analysiert und kritisiert. - Duden, Barbara - 'Das
Leben' als Entkörperung - in: body manipulation - alaska :materialien -
Bremen 2001
13) Scheich, Elvira - Was hält
die Welt in Schwung Feministische Ergänzungen zur Geschichte der
Impetustheorie - in: Feministische Studien 1/1985 Naturwissenschaftlerinnen
Einmischung statt Ausgrenzung - HG. Christine Woesler de Panafieu - Weinheim 1985
14) Zwei
interessante Beispiele sind die
Bücher 'Dislocating masculinity' und 'Genderd fields' mit aktuellen
Textsammlungen. - HG Andrea Cornwall/Nancy Lindisfarne - Dislocating
masculinity - London/New York 1993
- - HG. Diane Bell/Pat Caplan/Wazit
Jahan Karim - Gendered fields - London/New York 1992
Zuletzt aktualisiert 22.1.08
Die Empirie der Naturwissenschaften beweist nicht, sie falsifiziert nur
Naturwissenschaften verstehen sich selbst als besonders wahrhaftig, weil ihr Wissen durch Empirie abgesichert ist. Die Empirie wird dabei als Garant unabhängiger Wissensproduktion in den Naturwissenschaften begriffen. Die Empirie in den Naturwissenschaften ist aber nicht wertneutral.
Wieso sollte die Empirie in den Naturwissenschaften über den Abhängigkeiten der Wahrnehmung stehen?
Und wieso sollte die Empirie in den Naturwissenschaften unabhängig sein, von den das Denken strukturierenden Vorurteilen?
Im Gegenteil ist anzunehmen, daß auch die Empirie der Naturwissenschaften strukturiert wird durch die Vorurteile des Denkens, und, daß auch die Empirie der Naturwissenschaften beeinflußt wird von unserer Wahrnehmung.
Es gibt keine vortheoretische Anschauung und insofern auch keine vortheoretische naturwissenschaftliche Empirie in den Naturwissenschaften. Jede Anschauung braucht einen Deutungskontext, dies gilt auch für die Empirie der Naturwissenschaften. Eine einzelne Wahrnehmung für sich macht überhaupt keinen Sinn, der Sinn ergibt sich erst durch ihre Einbettung in die Gesamtheit von Wahrnehmung und Praxis, auch die naturwissenschaftliche Empirie ist darauf angewiesen, die empirischen Ergebnisse in einem Kontext der gesamten Naturwissenschaften zu erheben. Der Mathematiker Hermann Weyl führt zu Recht aus, daß in die Allgemeine Relativitätstheorie vorab die Annahme, der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, als Maßstab einfließt. Und das in der naturwissenschaftlichen Theorie und Empirie immer nur ein Gesamtzusammenhang von Vorannahmen, Theorie und Meßergebnissen auf interne Schlüssigkeit überprüft werden kann. Die selben Fakten würden aber bei anderen Vorannahmen und einer anderen Theorie auch zu anderen empirischen Ergebnissen in den Naturwissenschaften führen, die Empirie der Naturwissenschaften ist so immer auch selbst Abbild, der in die naturwissenschaftliche Empirie eingeflossenen Vorannahmen, der zu Grunde gelegten Theorie.
Naturwissenschaftliche Empirie ist also nicht vorurteilsfrei, die Empirie der Naturwissenschaften beweist nur das ein spezifisches Set aus theoretischen Vorannahmen, empirischen Ergebnissen, und theoretischen Schlußfolgerungen eine in sich widerspruchsfreie Möglichkeit der Interpretation der Daten liefern. Jede Empirie der Naturwissenschaften kann also Gültigkeit nur in einem bestimmten theoretischen Rahmen beanspruchen. Eine bestimmte naturwissenschaftliche Empirie schließt nicht aus, daß es noch andere in sich widerspruchsfreie Deutungen geben könnte, die nicht weniger Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben könnten.
An Gesichts der Komplexität naturwissenschaftlicher Theorien, die auch für die Empirie der Naturwissenschaften und ihre Interpretation entscheidend sind, ist sogar davon auszugehen, daß unterschiedliche komplexe Theorien nicht mehr durch Empirie in den Naturwissenschaften verifiziert oder falsifiziert werden können.
Denn selbst, wenn durch eine Weiterentwicklung der Empirie der Naturwissenschaften, eine der beiden Theorien als Falsch erwiesen werden könnte, so wäre dies doch mit hoher Wahrscheinlichkeit durch kleine Änderungen der komplexen Theorie korrigierbar. Dies gründet einfach auf der Tatsache, daß bei komplexen naturwissenschaftlichen Theorien kleine Veränderungen der Theorie, z.B. der Interpretation von Begriffen, zu großen Änderungen der empirisch zu erwartenden Fakten führen, auf Grund der gleichzeitigen Änderung der Theorie und der Interpretation der Empirie. So wird es im Regelfall möglich sein, eine komplexe Theorie durch leichte Veränderungen jedem beliebigen neuem Meßergebnis aus der Empirie der Naturwissenschaften anzupassen.
Die Wissenschaftssoziologin Susan Leigh Star hat ausgeführt, wie in der Neurologie des 19ten Jahrhunderts durch Wissenschaftler, die naturwissenschaftliche Empirie betrieben haben, eine Theorie durchgesetzt wurde, die bestimmten Fähigkeiten im Gehirn spezifische Orte zuweist, obwohl die Empirie der Naturwissenschaften dem widersprach. Die Interessen der Wissenschaftler waren aber die Durchsetzung ihrer Denkschule, dazu wurde die Theorie der Verortung durch die Annahme zusätzlicher Interaktionen zwischen den Gehirnteilen solange modifiziert bis die naturwissenschaftliche Empirie durch die Theorie abgedeckt war. Zum Schluß war die Theorie der Gehirnorte zwar zu einer komplexen interaktiven Theorie geworden, die mit der Ursprungstheorie in wesentlichen Punkten nicht mehr in Deckung stand, und an sich keine Ortstheorie mehr war, dies stört aber bis heute die populistische Wissenschaftsdarstellung, auch durch FachwissenschaftlerInnen, nicht dabei eben eine simplizistische falsche Ortstheorie zu verbreiten, und an ihren Begriffen festzuhalten.
Dieser Wandel der Begriffe, bei dem Begriffe sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden können, ist aber typisch für das komplexe Verhältnis von Wissenschaftstheorie und Empirie der Naturwissenschaften.
Ein weiteres Beispiel für die Veränderung grundlegender Begriffe durch die naturwissenschaftliche Empirie ist die Atomtheorie. Obwohl die Atomtheorie (also die Theorie der unteilbaren Bausteine der Materie) an sich als durch die naturwissenschaftliche Empirie widerlegt gelten müßte, wird sie weiter als Atomtheorie gelehrt, nur nun halt mit teilbaren Atomen. Ein epistemologischer Bruch wurde hier nicht vermerkt, die Begriffsverschiebung geschah auch hier eher fließend. Die Atomtheorie macht deutlich, daß komplexe Theorien nicht mehr widerlegbar sind, kann ich sie doch der naturwissenschaftlichen Empirie durch Veränderung immer anpassen, dann werden Atome halt teilbar.
Damit wird aber die Frage zentral, was zur Entscheidung führt, bestimmte Begriffe beizubehalten und andere zu verwerfen, obwohl die Empirie der Naturwissenschaften weder das eine noch das andere erzwingt. Die Urteile, die letztendlich darüber entscheiden, welche komplexe Theorie als gültig angesehen wird, haben halt nichts mit der Empirie der Naturwissenschaften zu tun, sondern mit den die Wirklichkeitswahrnehmung strukturierenden sozialen politischen und psychologischen Vorurteilen der Zeit, sie basieren vor Allem auf der Reproduktion herrschender Ideologie. Außerdem werden solche Entscheidungen auch im Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Empirie auf Grund von institutionellen und individuellen Karriereinteressen bestimmt, wie das von Susan Leigh Star aufgeführte Beispiel zeigt.
J.Djuren
Hannover, 2007
Und noch ein paar Links, was so im Netz zu finden ist zu den Themen Naturwissenschaften & Empirie;
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1. Link zu den Stichworten Empirie & Naturwissenschaften -, -
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7. Link zu den Stichworten Empirie & Naturwissenschaften - findet Ihr kritische Texte und Infos zur Empirie der Naturwissenschaften.
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24. Link zu den Stichworten Empirie & Naturwissenschaften - findet Ihr Texte & .. aus den Medien zur Empirie der Naturwissenschaften.
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34. Link zu den Stichworten Empirie & Naturwissenschaften - findet Ihr Links und Texthinweise mit weiteren Infos zum Thema der Empirie der Naturwissenschaften und zum Umfeld.
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