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Arbeitsthesen AK-ANNA - Ansprüche an eine Alternative Biologie


Dieser Text versucht einen Diskussionsstand des Arbeitskreises Alternative Naturwissenschaften Naturwissenschaftliche Alternativen wiederzugeben. Es geht dabei nicht um ein endgültiges Ergebnis sondern um Ideen für weitere Diskussionen. In einem herrschaftsfreien Sinn muß eh Alles immer wieder neu auch hinterfragbar sein. Dies sind in jeder Hinsicht Zwischenüberlegungen - doch zwischen den Stühlen fühlen sich viele von uns sicher am wohlsten -. Das hier Dargestellte haben wir im Frühjahr 2004 in der KTS in Freiburg diskutiert. Ich habe die Ergebnisse zusammengefaßt und um spontane Überlegungen ergänzt. Auch wir werden dies weiter diskutieren und die Eine oder Andere wird es vielleicht auch in ihre Praxis einfließen lassen.


Die Frage, die wir uns gestellt hatten, war, was sind unsere Ansprüche an eine Alternative Biologie. Die Antworten sind im Folgenden zusammengefaßt aufgeführt.




1) Zuerst ergibt sich die grundsätzliche Infragestellung.


- Gibt es ein Richtiges im Falschen?
- Kann es eine Alternative Biologie nicht erst in einer befreiten Gesellschaft geben?
- Brauche ich dort überhaupt noch das, was heute unter Wissenschaft verstanden wird?
- Ist Wissenschaft nicht strukturell Herrschaftspraxis?
- Kann es eine herrschaftsfreie Biologie geben?
- Und wenn ich Hierarchien dadurch zu umgehen versuche, daß ich jedes Ergebnis immer wieder hinterfrage/verändere, was ist der Erkenntnisgewinn? Ich komme immer ein Stück weiter? Wohin? Wozu?
Zumindest jede Form von Kategorisierung ist abzulehnen, da Kategorien die theoretische Basis für Hierarchien und Herrschaft liefern, und Identitäten zwangsweise zuweisen (z.B. Mann/Frau)? Aber wie forschen ohne Kategorien?

Dem könnte entgegnet werden, daß auch die Biologie Teil der Gesellschaft ist, und das ich irgendwo mit den Veränderungen anfangen muß. Und in der Biologie eine andere Theorie und Praxis durchzusetzen bedeutet nicht andere Herrschaftsverhältnisse darüber zu vergessen. Ein herrschaftsfreieres Zusammenleben in der WG, Auseinandersetzungen mit kapitalistischer Gewalt, antisexistische Arbeit und die Arbeit für eine Alternative Biologie sind nicht als Widerspruch zu sehen sondern als Zusammenhang. Real mag mensch aber auch mal müde sein.
Und für eine herrschaftsfreie Genetik konnte und wollte keine/r kämpfen, weil dies Allen als Widerspruch in sich erschien, außer Kerstin, falls ich sie richtig verstanden habe, die meinte, daß gerade die Schwarzen Schimmel, also das Oxymoron, der Widerspruch in sich, Teil einer alternativen Praxis sein müßte. Und vielleicht hat sie recht.




2) Wir haben uns aber auch konkrete Forderungen überlegt.


- Forderungen zur Erkenntnistheoretischen Praxis

Eine Alternative Biologie sollte ohne absolute Kategorien arbeiten. Also Gruppen von Wahrnehmungen immer mit einer durchlässigen Umrandung fassen. Unter bestimmten Bedingungen mag es ja z.B. sinnvoll sein einen Walfisch unter die Kategorie der Vögel zu fassen, wenn ihn z.B. ein Kind mit Flügeln gezeichnet hat, oder wenn ich bestimmte Zusammenhänge der Belastung durch Umweltfaktoren für Pinguine und Wale untersuche.

Alternative Biologie sollte nichtdeterministisch sein, daß heißt auch in diesem Sinn sollte Biologie als Wissenschaft offen strukturiert sein. Sie sollte einmal die Kontextgebundenheit von Ursache-Wirkung begreifbar machen und die Widersprüche der Realität nicht durch technische Ausblendungen verschleiern.
Die absolute Eindeutigkeit von Ergebnissen wird durch einen experimentellen Aufbau und durch mathematische Auswertungsverfahren (Statistik/Fehlerrechnung) erst erzeugt. Eine Alternative Biologie müßte die Ausnahmen immer mitdenken und zwar als Teil der Regellosigkeit der Regel und nicht als Ausnahme.

Eine Alternative Biologie sollte zur Erklärung von Beobachtungen immer mindestens zwei sich widersprechende Theorien anbieten. Multible Ursachen und unterschiedliche Erklärungen sollten als normal akzeptiert werden. Insgesamt sollte auf eindeutige Festlegungen verzichtet werden.

Zur Erklärung von biologischen Zusammenhängen sollten nicht die neoliberale marktwirtschaftliche Ideologie reproduziert werden, wie dies z.B. in der Evolutionstheorie geschieht. Solche Theorieansätze sind abzulehnen. Im Gegenteil gilt es sowohl im Sozialen wie in den Naturwissenschaften die neoliberalen Denkmodelle zu dekonstruieren und sie aufzuheben.

Alternative Biologie sollte die disziplinären/disziplinatorischen Fächergrenzen zwischen Biologie, Technik, Philosophie, Politik usw. auflösen um so eine umfassenden Blick auf die widersprüchliche Bedeutungen einer konkreten Forschung zu ermöglichen.
So ist z.B. die Genetik nicht eine biologische Technik im engeren Sinn, deren Einsatz biologische Folgen zeitigt, sondern sie ist auch und vor allem eine diskursive Technologie, die zur Durchsetzung bestimmter Ideologeme über den Menschen und die Natur zum Einsatz kommt. Und der eigentliche Gewinn, den die Industrie aus der Genetik schöpft, hat nur wenig bis gar nichts mit realen biologisch technologisch neuen Handlungsmöglichkeiten zu tun, sondern mit der Möglichkeit auf Grund der Genetik als Glauben/Religion über das Patentrecht einen Zugriff auf vorher der Allgemeinheit gehörende Naturressourcen zu bekommen und diese zu privatisieren. Es reicht zu behaupten mensch hätte einen Ursache-Wirkungszusammenhang zwischen einer Gensequenz und einem bestimmten Naturprodukt/Wirkung gefunden und dies mit dem gängigen wissenschaftlichem Ritual zu legitimieren um, mit dem Hintergrund ausreichender Kapitalmacht, mit Hilfe der mit dem Kapitalinteressen verflochtenen Patentbehörden (wie z.B. dem EPA - Europäisches Patent Amt), den privatisierenden Zugriff auf dieses Naturprodukt/Wirkung abzusichern. Im Regelfall entspricht dabei der behauptete Zusammenhang nicht der Realität, wie sie bisher gefaßt wurde. D.h. die Gensequenz ist im Regelfall nur einer von vielen. und häufig nicht einmal ein notwendiger Faktor, für die Existenz des betroffenen Naturproduktes. Die Realität wird aber durch den biogenetischen Blick selbst neu gefaßt, so daß zukünftig alle nichtgenetischen Faktoren als irrelevant nicht mehr betrachtet oder selbst genetifiziert werden. So wird im Nachlauf die Wahrheit, die der genetische Blick im Vorhinein für sich reklamiert hat, erst erzeugt.



- Forderungen zur Forschungspraxis

Bei jeder Forschung sollte der Zweck und die Interessen der Forschenden und ihr Einfluß auf die Forschung thematisiert werden. Dies könnte auch zur Ablehnung spezifischer Forschungen führen, die explizit am Interesse ausgerichtet sind Macht und Gewalt gegen Menschen auszuüben.

Eine Forschungspraxis sollte Raum für Wissenschaft als Zeitvertreib und Zeit für das, nicht an sinnvollen nach sonstigen allgemeinen Kriterien ausgerichtete, Spiel lassen.

Die Forschungspraxis sollte den Kontext mit einbeziehen, auch den wirtschaftlichen und sozialen und die Interaktion mit anderen Bereichen der Gesellschaft. Die Forschung muß übergreifend über die verschiedenen Wissensgebiete (Naturwissenschaften/Sozialwissenschaften/Politik/Alltag/..) zusammen stattfinden und im Sinne des Einbezugs der von ihr Betroffenen und in diesem Sinn als ganzheitliche durchgeführt werden.
Der Begriff ganzheitlich wird zum Teil auch reaktionär für esoterisch religiöse Projekte verwendet, hier geht es, dazu im Gegensatz, um eine Radikalisierung der Aufklärung, sowohl im Sinne des Einbezugs von allen Betroffenen in die kritische Wissenschaftspraxis, wie im Sinne der umfassenden kritischen Reflektion der wissenschaftlichen Theorie und Praxis.
Dies führt zur Abschaffung des Sonderstatus von NaturwissenschaftlerInnen als ExpertInnen. Der naturwissenschaftliche Blick, die naturwissenschaftliche Perspektive, wäre dann nur eine unter einer ganzen Reihe weiterer Sichtweisen, die nicht weniger Anspruch auf Wahrheit reklamieren könnten.

Die ForscherInnen sollten sich selbst als Teil des Prozesses, den sie beforschen, begreifen und damit die Ideologie der Beherrschung von Objekten in der Forschung unterlaufen, eine Ideologie, die z.B. auch in den systemtheoretischen Ansätzen, durch die Ausblendung der subjektiven Sicht, fortgeschrieben wird.
Dies könnte z.B. durch die Subjektivierung von Allem, Tiere, nichtlebende Dinge, usw. geschehen. Dabei ginge es primär um eine Änderung der Sichtweise in der Forschungspraxis, in dem Tiere und Dinge als eigenständig agierend gedacht würden (Mit Einschränkungen wird eine solche Blickverschiebung vom Wissenschaftstheoretiker Bruno Latour in einem Teil seiner Texte dargestellt).
Insgesamt sollte eine Alternative Biologie den Menschen neue ungewöhnliche Perspektiven auf die Welt eröffnen und nicht bestehende Vorurteile reproduzieren, wie dies z.B. die auf Menschen bezogene Soziobiologie tut, indem sie die Vorurteile (vor allem geschlechtsspezifische) der heutigen Gesellschaft erst in die Biologie hineinprojiziert, um sie dort dann ganz überraschend wieder zu entdecken.

Die biologische Forschung sollte selbst als Prozeß organisiert sein, als eine Praxis die ihre eigenen Bedingungen und Ideologien im Verlauf der Arbeit kritisch immer wider umbaut und damit auch die Ergebnisse immer wieder anders interpretiert und von dieser dauernden Infragestellung auch die Positionen und Grenzsetzungen zwischen ForscherIn und Beforschtem nicht ausnimmt. In diesem Sinn ist Alternative Biologie ein nie abgeschlossenes prozeßhaftes Handeln, bzgl. Mitteln, Ziel, Subjekt/Objekt und Logik, als kritische Wissenschaftspraxis.

Die Forschungspraxis sollte am realem Leben ausgerichtet sein, also die Dinge, Tiere, usw. in ihrer Umwelt studieren und nicht z.B. durch Tötung künstlich eindeutige Aussagen produzieren.

Die Forschung sollte auf Aussagen im konkreten Kontext ausgerichtet sein und nicht als Ideologieproduktion versuchen die Welt auf Gesetze festzulegen.

Die Empirie und Theorie muß dem jeweiligen Kontext angepaßt werden, dies kann bedeuten spezifische Techniken im Umgang mit Meßgeräten zu nutzen, andere Meßgeräte zu entwickeln oder statt quantitativer Forschung qualitativ zu arbeiten. Z.B. sind Ökosysteme individuell, feste absolute Grenzwerte machen keinen Sinn, nur strukturelle aussagen (z.B. Öleinleitungen bewirken ..), ich muß das einzelne System betrachten und seine Spezifik begreifen.

Eine alternative Biologie müßte um die ideologischen Festschreibungen in Form und Inhalt zu unterlaufen auch mit literarisch experimentellen Praxen arbeiten und mit Lachen über sich selbst die Anmaßung von Setzungen herausstellen und ihre Vieldeutigkeit offenlegen.

Auch Nichtergebnisse und Scheitern sollten veröffentlicht werden.





- Forderungen an Biologie als eine zielgerichtete Praxis

Alternative Biologie sollte mit dazu beitragen notwendige Arbeit zu reduzieren und Freiräume zu schaffen. Dies ist aber nicht von Politik trennbar.

Eine alternative Biologie sollte Biologie einsetzen für die Entwicklung von Produktionsmethoden für Lebensmittel usw. die eine größere Handlungs- und Entscheidungsfreiheit für alle Einzelnen bedeuten und ihnen ermöglichen die Produktionsbedingungen mit allen dazugehörigen Folgen zu überblicken.
Z.B. könnten hier intelligente neue Methoden der Haltbarmachung entwickelt werden, die sich an den Interessen der Menschen (Güte der Lebensmittel/geringe Umweltbelastung/usw.) und nicht der Konzerne orientieren. Zu denken wäre z.B. auch an Anbaumethoden bei denen komplexe Pflanzengemeinschaften (Mischgarten) genutzt werden zur Boderegeneration und um den Befall durch 'Schädlinge' zu minimieren an Stelle von Chemie und Technik im klassischen Sinn.

Eine Alternative Biologie sollte aber auch witzige überflüssige Dinge produzieren, aber auch hier alle Folgen offenlegen.
Denkbar wären z.B. auch die Produktion neuer interessanter Drogen, die umweltfreundlich im Eigenanbau produzierbar sind.

Als erkenntnistheoretischer Praxis muß Ziel der Alternativen Biologie sein Grenzen und Festlegungen, z.B. bzgl. Geschlecht, Leib, Materie, niederzureißen im Sinne einer Ausweitung der Handlungspotentiale aller Menschen.
Z.B. sollte sie zur Infragestellung der heterosexuellen zweigeschlechtlichen Ordnung und der darauf aufbauenden gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse beitragen, und nicht neue/alte Herrschaftsverhältnisse (re)produzieren. Deshalb ist z.B. die Genetik abzulehnen, da sie durch die Konstruktion genetischer Identitäten, Menschen auf spezifische Handlungsspielräume festzulegen versucht, und sich dies bei Genscreenings am Arbeitsplatz z.B. direkt in soziale Gewalt und Grenzziehungen umsetzt.

 


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Zuletzt aktualisiert 30.05.10



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