Treffen



AK-ANNA: Bericht Herbst 2004 in Lutter



Während der Diskussionen am Freitag hatte ich mir ein paar Notizen gemacht, die ich jetzt versuche wiederzugeben.

Wir waren anfangs nicht so viele, zum Abendessen kam dann noch Lucia dazu. Nach dem Frühstück habe ich noch einen Text gelesen und auf das Herdfeuer aufgepasst, während die anderen beim Einkaufen mit kleinen Broten beschenkt wurden und einen neuen Begriff ("ernährungsbedingtes Fehlverhalten") gelernt haben. Danach haben wir uns den Text Abgoriginal Australien Mathematics: Disparate Mathematics of Land Ownership von Hellen Verran vorgenommen.

Ausgangspunkt ist ein Konflikt um Landverteilung zwischen Aborigines und eingewanderten Farmern, bei dem unterschiedliche Mathematiken zum Tragen kommen. Die Aborigines haben kein Zahlensystem und verfügen nur über wenige Zahlbegriffe. Dafür haben sie ein sehr systematisch aufgestelltes Abstammungs- und Verwandtschaftssystem (gurrutu). In gewissem Sinne ist gurrutu mit den natürlichen Zahlen der vorherrschenden Mathematik vergleichbar.

An dieser Stelle wird berechtigterweise die Theorie einer genetisch festgelegten Urgrammatik, mit der Noam Chomsky in der wissenschaftlichen Welt berühmt geworden ist, kritisiert. Nach dieser Theorie könnten die Aborigines ohne Zahlensystem praktisch keine richtigen Menschen sein. An den politischen Werken Chomskys, die auch in anarchistischen Kreisen immer wieder gern hochgehalten werden, hatten wir aber erst mal nichts auszusetzen.

Das Verwandschaftssystem (gurrutu) wird von den Aborigines durch Gesänge und Riten (djalkiri) auch auf die Landschaft übertragen. Auf diese Weise stehen Teile der Landschaft zu den clans in ähnlicher Beziehung wie Verwandte. Den Begriff von Eigentum haben sie nicht. Wir haben dann kurz überlegt, ob diese Landschaftsverwandtschaft einer nomadischen Lebensweise im Weg stehen würde, sind aber zu dem Ergebnis gekommen, dass auch Nomaden ihre verwandte Landschaft immer wieder besuchen könnten.

Im djalkiri muß etwas enthalten sein, was für die westliche Wissenschaft nicht fassbar ist. Zum Beispiel wird in einem anderen Text beschrieben, daß die Bewirtschaftungsmethode der Aborigines, die auch mit Abbrennen arbeitet, unter ökologischen Kriterien efifizienter ist, als jede nachgemachte Methode, und dass WissenschaftlerInnen, die das untersuchen wollten, kläglich gescheitert sind.

Wir waren uns nicht einig, ob djalkiri für die Aborigines so etwas ist wie für uns die Logik. Es sieht aber so aus, als hätten auch die Aborigines eine zweiwertige Logik. Und die Logik wird alltäglich reproduziert.

Um den Landkonflikt zu lösen müssen die Mathematik der Aborigines und die der Farmer irgendwie verknüpft werden. Als Inspiration wird ein Wasserloch (ganma) angeführt, in dem sich Strömungen von Salzwasser und Süßwasser mischen. Der Vorschlag ist, das Land nicht aufzuteilen, sondern vollständig einer Seite zuzusprechen, gleichzeitig das Nutzungsrecht aber zugunsten der anderen Seite einzuschränken. Auf diese Weise würden die Farmer praktisch in das Aboriginesmodell integriert.

Wir haben dann noch überlegt, daß es witzig wäre, wenn auch hierzulande Gerichtsentsscheidungen an andere Logiken angepasst würden, zum Beispiel im Umgang mit Hausbesetzungen oder Bauwagenplätzen. Die bürgerlichen Gerichte wären dafür allerdings ungeeignet. Wir bräuchten eher neutrale, von beiden Seiten anerkannte VermittlerInnen, die auch nur Vorschläge machen. Trotzdem müsste man aber bestimmte Grundsätze universell voraussetzen (z.B. Menschenwürde...). Das haben wir aber nicht weiter vertieft.

Stattdessen sind wir (außer Kerstin) noch einbißchen an die frische Luft gegangen. Anschließend haben wir (außerJörg) den Text Logics and Mathematics: Challenges Arising in Working across Cultures gelesen. Jörg hat in der Zwischenzeit schon die Kartoffeln für den Kartoffelbrei vorbereitet. Dazu gab es Schwarzwurzeln, die beim Schälen einen sehr klebrigen Saft abgeben.

Nach dem Essen sind wir mit der Frage, was eigentlich Mathematik sei, in die Diskussion eingestiegen. Unbefriedigende Antwortansätze waren: Mathematik beschäftigt sich mit Zahlen und Raum, Mathematik ist Logik, Mathematik ist angewandte Logik, Mathematik ist Teil der Logik oder Logik ist Teil der Mathematik.

Die Mathematik der Yoruba unterscheidet sich nicht stark von der, die wir gewohnt sind. Vor allem die Darstellung der Zahlen ist anders. Sie beruht stärker auf der Multiplikation als auf der Addition, und sie ist nicht immer eindeutig.

Im Text werden dann zwei Standpunkte zur Begründung der Mathematik vorgestellt und beide abgelehnt. Nach dem Universalismus ist die symbolische Ordnung bereits in der Natur vorhanden und kann mit den westlichen Mitteln erkannt werden. Für den Relativismus sind dagegen mehrere Mathematiken möglich, aber jeder Kultur ist immer nur eine zugänglich und daran ändert sich auch nichts. Zum Relativismus passt das Multi-kulti-Konzept: alle Menschen sollen sich bitte ihrer festgelegten Kultur entsprechend verhalten. Besser wäre hier ein Meltingpot-Konzept, das auch Weiterentwicklung zuläßt. Meistens wird unter Meltingpot aber auch nur Assimilation in die "Leitkultur" verstanden.

Der Text führt dann sieben Punkte auf, wie beide Begründungsstandpunkte auf unterschiedliche Weise das koloniale System stützen. An dieser Stelle habe ich mir aufgeschrieben, daß der Ökofeminismus die "Natürlichkeit" der Frau hervorhebt (muß wohl als Stichwort gefallen sein).

Wir haben dann über die Bezugnahme auf Immanuel Kant geredet. Beim Übersetzen ins Englische seien die Kantzitate lyrischer und metaphorischer geworden. Und ob man Kant als Objektivist bezeichnen könne, wurde gezweifelt. Andererseits sei aber auch der Relativismus nicht unbedingt richtig dargestellt. Kant habe jedenfalls schon eine universelle Anschauung (dreidimensional euklidisch, zeitlich) angenommen, aber auch Zweifel und außerirdische Wahrnehmung zugelassen. Vielleicht dient der Bezug auf Kant auch nur einer notwendigen Verwissenschaftlichung.

Jedenfalls wird aus den Zitaten irgendwie abgeleitet, dass Logik permanent reproduziert werden muß. Jeder Mensch hat eine eigene Logik, die aber auch als Grundlage der Verständigung dient. Sie wird im täglichen Handeln erschaffen, und dieser Prozeß ist niemals vollendet. Schizophrenie würde demnach zwei inkommensurable Logiken in einer Person bedeuten.

Von der permanenten Reproduktion der Logik kamen wir dann zur permanent repro-duzierten sexuellen Identität nach Judith Butler. Anscheinend gibt es bei letzerer auch Pausen (wann?) und Brüche. Wie wird überhaupt die Identität nach außen getragen? Und wer orientiert sich im täglichen Handeln an der objektivistischen Logik?

Hier enden meine Aufzeichnungen. Ich kann noch ergänzen, dass wir am späteren Abend eine Flasche Glühwein mit dem passenden Titel "Winter-Illusion" getrunken haben. Davon angeregt wollte Jörg mit uns reihum einen Text über Soziobiologie verfassen. Wir haben uns dann aber auf das Thema Logik-Illusion geeinigt und reihum die ersten fünf Kapitel fertig gestellt.

Das Ergebnis wird wahrscheinlich demnächst von Jörg veröffentlicht. Hier sei nur schon mal erwähnt, daß wir auch vor der Bezugnahme auf Hegel, Frege und Gott nicht zurückgeschreckt sind.

Ben


 


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Zuletzt aktualisiert 30.11.08



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